EU-Agrarkommissar Christophe Hansen hat gestern vorgeschlagen, Agrarrohstoffe stärker energetisch zu nutzen und dafür die Erneuerbare-Energien-Richtlinie RED III anzupassen. Martin Häusling, Abgeordneter im EU-Parlament für die Grünen in den Ausschüssen für Landwirtschaft, Umwelt und Gesundheit kommentiert:
„Die aktuellen Vorschläge von Agrarkommissar Hansen gehen in die völlig falsche Richtung. Wer ernsthaft darüber nachdenkt, Weizen, Mais oder Zucker verstärkt im Tank zu verbrennen, erklärt die Realität auf den Feldern für zweitrangig. Die angeblich ‚überholte‘ Debatte um ‚Tank oder Teller‘ ist aktueller denn je, denn Fläche ist ein immer knapperes Gut.
Lebensmittel in den Tank zu kippen, weil die Preise gerade niedrig sind, ist keine Marktstabilisierung, sondern ein politisches Armutszeugnis. Es zeigt, dass wir es versäumt haben, faire Preise für Erzeugerinnen und Erzeuger durchzusetzen – und stattdessen auf Scheinlösungen setzen, die den Flächenverbrauch erhöhen und Klima und Biodiversität weiter unter Druck setzen.
Dass der deutsche Agrarminister Rainer diesen Vorschlag ausdrücklich begrüßt, ist völlig unverständlich. Wer das als ‚Win-win‘ bezeichnet, verkennt die Realität: Agrotreibstoffe sind ineffizient, konkurrieren mit der Nahrungsmittelproduktion, verschärfen Nutzungskonflikte und treiben den Preisdruck auf Flächen weiter in die Höhe. Er reiht sich in das Irrlichtern der Wirtschaftsministerin Reiche ein, fossile Heizsysteme künstlich zu verlängern, indem man ihnen sogenanntes „Grüngas“ (Agrogas) beimischt.
Die aktuellen geopolitischen Krisen machen für die Landwirtschaft doch vor allem eins deutlich: Europas Abhängigkeit von auf fossiler Energie beruhendem synthetischen Dünger für unser Ernährungssystem. Wir machen uns damit doppelt abhängig – von fossilen Energien und von globalen Lieferketten.
Der Ausweg liegt auf dem Feld: weitere Fruchtfolgen mit mehr Leguminosen-Anbau. Wenn unsere Bäuerinnen und Bauern wieder stärker auf Hülsenfrüchte setzen, die in der Lage sind, natürlich Stickstoff zu binden, reduzieren wir Importabhängigkeiten von Eiweißfuttermitteln und stärken gleichzeitig die Artenvielfalt. So weit wie möglich geschlossene Stickstoff-Kreisläufe müssen das Ziel sein.
Diesen Umstieg müssen wir politisch fördern – durch klare Rahmenbedingungen, Anreizsysteme und eine Erreichung der Ökolandbau-Ziele. Denn im Ökolandbau ist Stickstoff-Fixierung aus der Luft Grundlage der Fruchtfolge. Deutschland hat sich vorgenommen, den ökologischen Landbau bis 2030 auf 30% auszubauen, die EU auf 25%. Aktuell stecken wir bei etwas über 11% in Deutschland und knapp 11 % in Europa fest – und in Deutschland kürzt Agrarminister Rainer noch Förderungen.“