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Wiesbadener Kurier vom Freitag, 21. Sept 2018
Autorin: Sylvia Winnewisser

WIESBADEN. Die Artenvielfalt nimmt immer mehr ab. "Schuld am massenhaften Aussterben von Tier- und Pflanzenarten sind neben Klimawandel vor allem die Landwirtschaft und die Politik." Das war der Ausgangspunkt eines Vortragsabends hochkarätiger Experten, bei dem unter anderem die Neuauflage einer Studie zum Artensterben vorgestellt wurde. Nach der Begrüßung durch Museumsdirektor Alexander Klar berichtete Umweltdezernent Andreas Kowol von den Anstrengungen in Wiesbaden und Hessen zum Schutz der Arten, zum Teil mithilfe der Landwirte. Zum Beispiel wurden im Stadtgebiet Biotopflächen und Feldflurprojekte eingerichtet, man arbeite projektbezogen mit Naturschutzparks zusammen.

Martin Häusling (Grüne), Fachpolitiker im Europäischen Parlament, beklagte die Agrarpolitik von Deutschland und der EU. Die Agrarreform von 2013 sei gescheitert. Die "modernen" intensiven Landwirtschaftsmethoden vernichteten große Teile der Natur - sowohl Lebensräume wie Nahrungsgrundlagen von Tieren, zudem schade der Einsatz von Insektiziden und Pestiziden. Und die Politiker schauten zu. Die Industrie baue ihre Lobby in Brüssel aus. Und die Insekten wie die Bienen sterben weiter, an Glyphosat und an Neonikotinoiden. Für drei davon trat jetzt ein Verbot in Kraft. Doch zwei sind weiterhin im Einsatz. Einige europäische Staaten umgingen das Verbot, die EU tue nichts. Die Bundesregierung gebe fünf Millionen Euro für den Insektenschutz aus, gleichzeitig jedoch fünf Milliarden für eine falsche Agrarpolitik. Bis 2020 müssten die Weichen in der Agrarpolitik neu gestellt werden.

"Wieder mehr Wildnis in die Städte holen!"

Andreas Mulch von der Senckenberg Gesellschaft für Naturforschung gab in seinem Vortrag "Wie viel Natur braucht der Mensch?" einen Überblick über die Gründe des Aussterbens und warnte: "Die Natur ist eine limitierte Ressource. Einige Arten verschwinden schneller, als wir denken." Der Verlust der Natur bedeute auch den Verlust von Lebensqualität. Durch eigenes Handeln könne man schon einiges bewirken. Er forderte auf, zum Beispiel wieder mehr Natur und Wildnis in die Städte zu bringen. Stephan Börnecke, der die Studie "Wir sind dann mal weg. Die (un-)heimliche Arten-Erosion" angefertigt hat, stellte neueste Zahlen zum Verschwinden einiger Arten und den Einsatz der Neonikotinoide vor. Unsere Ernährung hänge im Wesentlichen von zwölf Nutzpflanzen und fünf Tierarten ab. 22 Prozent der Schmetterlingsarten seien bereits weg, das bedeute 56 Prozent Individuenverlust. Die Anzahl der Braunkehlchen ist um 71 Prozent zurückgegangen, alle auf Feldern lebenden Tierarten insgesamt um 55 Prozent. Der Bestand an Rebhühnern sei von 13,4 Millionen auf 550 000 zurückgegangen. Von 150 Brutpaaren der Grauammer gebe es heute noch zwei.

Die Landwirte brauchen Alternativen

Bei der abschließenden Diskussion, an der auch Oliver Conz, 1. Vorsitzender der Hessischen Gesellschaft für Ornithologie und Naturschutz (HGON), teilnahm, gab es am Ende Konsens: Man müsse den Landwirten Alternativen bieten und finanzielle Anreize, ihre Betriebe umzustellen und mehr auf Naturschutz zu achten. Ein Rückgang der Erträge um zehn Prozent sei vertretbar. Auch die Verbraucher müssten umdenken und nicht immer zum billigsten Produkt greifen. Wähler könnten ebenfalls ihre Position klarstellen.

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