Grüne Europagruppe Grüne EFA

Tierhaltung und Tierschutz

23.06.2022

EU-Parlament zu Reserveantibiotika: Abstimmung mit fatalen Folgen

Das Europäische Parlament hat sich heute mehrheitlich für die von der EU-Kommission konzipierte Liste der Reserveantibiotika ausgesprochen. Auf dieser Liste sollten zukünftig all diejenigen Antibiotika stehen, die für die Humanmedizin reserviert bleiben, also nicht für die Behandlung von Tieren genutzt werden dürfen.
Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss hat den heute vom Europäischen Parlament abgestimmten Einspruch initiiert und bedauert das heutige Ergebnis zutiefst:

„269 dafür – 280 dagegen, bei 46 Enthaltungen. Eine knappe Mehrheit der Parlamentarier:innen hat sich für den von der Europäischen Kommission angepeilten Weg zur Regelung der Reserveantibiotika ausgesprochen. Sie votierten damit für einen extrem schwachen Regelungsvorschlag, der nichts dazu beitragen wird, der weiteren Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen Herr zu werden. Gewonnen haben damit die Agrar- und Pharmalobby, die es mit ihrer zwielichtigen Kampagne geschafft haben, Stimmung zu machen.
Mit der falschen Behauptung, Hunde, Katzen und andere Haustiere würden zukünftig nicht mehr behandelt werden können, wenn die Liste strenger konzipiert würde, haben sie Emotionen entfacht und Lobbydruck der übelsten Sorte ausgeübt.
Tatsache ist, dass es nicht die Haustiere sind, die in nennenswerten Mengen Antibiotika verabreicht bekommen. Ihr Beitrag zur Resistenzbildung ist dementsprechend gering. Der Löwenanteil der Antibiotika wird in der Tiermast der industrialisierten Landwirtschaft verwendet: weltweit werden 66% aller Antibiotika für landwirtschaftliche Nutztiere verwendet. Fast 90% dieser Antibiotika werden an Tiergruppen verabreicht. Im Regelfall über das Futter- oder Tränkesystem, so dass kranke und gesunde Tiere gleichermaßen mit dem Antibiotikum versorgt werden. Der Resistenzbildung ist damit Tür und Tor geöffnet.
Jetzt liegt eine Liste auf dem Tisch, die keinerlei Wert hat und die das von der EU-Kommission unterstützte Ziel der Unterbindung der Resistenzbildung nicht erreichen kann. Die Liste zementiert den Status Quo. Sie enthält kein einziges derjenigen Antibiotika, die die Weltgesundheitsorganisation WHO als für Menschen am allerwichtigsten einstuft (‚highest critically important antimicrobials for human use‘). Alle aktuell erlaubten Antibiotika bleiben also weiterhin für Tiere erlaubt. Tritt diese Liste in Kraft, so werden wir es nicht schaffen, Antibiotikaresistenzen zu reduzieren und damit Leben zu retten.
Statt dieser nutzlosen Liste wäre es wesentlich besser, eine Liste zu haben, die die für die Humanmedizin wichtigsten Antibiotika umfasst - diese aber in begründeten Einzelfällen frei gibt für die Behandlung von Tieren. Geradezu fahrlässig ist es, dass selbst Colistin nicht auf die Liste der für die Humanmedizin reservierten Antibiotika genommen wurde. Schließlich ist bekannt, dass auf den Einsatz von Colistin in der Tierhaltung sehr wohl verzichtet werden kann, wenn ein Mix aus Impfungen, Hygiene- und Managementmaßnahmen zielgenau eingesetzt wird. Einzelne EU-Länder wie Dänemark sehen inzwischen komplett von der Anwendung von Colistin ab, ebenso die Biolandwirtschaft. Es geht also ohne!
Schon jetzt sterben in der EU jedes Jahr 33.000 Menschen, weil bei ihnen keines der verfügbaren Antibiotika mehr wirkt. Hochrechnungen ergeben, dass die Todesfälle aufgrund von Antibiotikaresistenzen 2050 weltweit bei mehr als 10 Millionen Menschen liegen können, wenn der Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen nicht Einhalt geboten wird.
Da viele Antibiotika sowohl bei Menschen als auch bei Tieren eingesetzt werden, ist ein koordiniertes Vorgehen bei der Eindämmung von Antibiotikaresistenzen unabdingbar.
Das letzte Wort haben jetzt die Mitglieder des Ständigen Ausschusses der Europäischen Kommission, der aus Expertinnen und Experten der EU-Länder zusammengesetzt ist. Voraussichtlich Anfang Juli wird dieser über den Kommissionsvorschlag abstimmen. Ich appelliere an die Ausschussmitglieder, dem aktuellen Vorschlag nicht zuzustimmen und sich stattdessen für eine Liste der Reserveantibiotika gemäß der WHO-Kriterien einzusetzen.“

 

Weitere Infos:
Entschließungsantrag zur Liste der Reserveantibiotika: https://www.europarl.europa.eu/doceo/document/B-9-2022-0327_DE.html
Weitere Veröffentlichungen von Martin Häusling zu Reserveantibiotika:
https://martin-haeusling.eu/suche.html?searchword=Reserveantibiotika&searchphrase=all

 

 

14.06.2022

Liste der Reserveantibiotika: Umwelt- und Gesundheitsausschuss positioniert sich

Am heutigen Dienstag werden die Mitglieder des Umwelt- und Gesundheitsausschusses des Europäischen Parlaments über einen Einspruch zur Liste der Reserveantibiotika abstimmen. Der Einspruch spricht sich gegen den Entwurf der Liste der Reserveantibiotika aus, die zukünftig der Behandlung von Menschen vorbehalten bleiben sollen. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, hat diesen Einspruch initiiert, er kommentiert:

„Mit diesem Einspruch protestieren wir energisch gegen den von der Europäischen Kommission angepeilten Weg der Regelung der Reserveantibiotika. Die Europäische Kommission muss ihren Vorschlag zurückziehen und stattdessen einen neuen Vorschlag machen, der sich nach den WHO-Kriterien und Empfehlungen für die wichtigsten Antibiotika für die Humanmedizin richtet.

Die bislang von der Europäischen Kommission vorgestellte Liste derjenigen Antibiotika, die zukünftig der Behandlung von Menschen vorbehalten bleiben sollen - für Tiere also verboten sind - ist definitiv nicht ausreichend. Tritt diese Liste in Kraft, so werden wir es nicht schaffen, Antibiotikaresistenzen zu reduzieren und damit Leben zu retten.

Die Liste enthält kein einziges derjenigen Antibiotika, die die Weltgesundheitsorganisation WHO als die für Menschen am allerwichtigsten Antibiotika einstuft (‚highest critically important antimicrobials for human use‘), welches nicht jetzt schon für die Verwendung bei Tieren nicht mehr zugelassen ist - alle aktuell erlaubten Antibiotika bleiben also weiterhin für Tiere erlaubt.

Geradezu fahrlässig ist es, dass selbst Colistin nicht auf die Liste der für die Humanmedizin reservierten Antibiotika genommen wurde. Schließlich ist bekannt, dass auf den Einsatz von Colistin in der Tierhaltung sehr wohl verzichtet werden kann, wenn ein Mix aus Impfungen, Hygiene- und Managementmaßnahmen zielgenau eingesetzt wird. Einzelne EU-Länder wie Dänemark sehen inzwischen komplett von der Anwendung von Colistin ab, ebenso die Biolandwirtschaft. Es geht also ohne!

Schon jetzt sterben in der EU jedes Jahr 33.000 Menschen, weil bei ihnen keines der verfügbaren Antibiotika mehr wirkt. Hochrechnungen ergeben, dass die Todesfälle aufgrund von Antibiotikaresistenzen 2050 weltweit bei mehr als 10 Millionen Menschen liegen können, wenn der Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen nicht Einhalt geboten wird.

Da viele Antibiotika sowohl bei Menschen als auch bei Tieren eingesetzt werden, ist ein koordiniertes Vorgehen bei der Eindämmung von Antibiotikaresistenzen unabdingbar.

Schätzungen zufolge werden weltweit 66% aller Antibiotika für landwirtschaftliche Nutztiere verwendet - und nicht für Menschen. Und fast 90% der dort verabreichten Antibiotika finden in der Gruppenanwendung Verwendung, werden also beispielsweise über Tränkesysteme verabreicht. Mit entsprechend hohem Resistenzbildungspotential.

Ich appelliere eindringlich an die EU-Kommission, dass sie den von einem breiten Fraktionsbündnis getragenen Einspruch nicht übergeht. Es wird ihr nicht entgangen sein, dass der Einspruch auch vom Ausschuss der Europäischen Ärzte unterstützt wird.“

Weitere Informationen:

PM vom 11. Mai „Segen des Umweltausschusses bleibt aus“: https://martin-haeusling.eu/presse-medien/pressemitteilungen/2855-liste-der-reserveantibiotika-segen-des-umweltausschusses-bleibt-aus.html

Gemeinsame Erklärung der europäischen Ärzte mit 18 anderen Gesundheits- und Tierschutzorganisationen: https://www.cpme.eu/news/the-european-commission-must-preserve-vital-antibiotics-for-human-health-and-protect-animal-welfare

 

07.06.2022

Staatliche Tierhaltungskennzeichnung: Ein wichtiger erster Schritt in Richtung Umbau der Tierhaltung

Heute Vormittag hat das Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL) seine Eckpunkte zur Einführung einer verpflichtenden staatlichen Tierhaltungskennzeichnung vorgestellt. Dies ist der erste Schritt einer Reihe von Vorhaben, die das BMEL plant, um den tier- und umweltgerechten Umbau der Tierhaltung in Deutschland anzugehen. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, kommentiert:

„Es wurde höchste Zeit, dass entschiedene Schritte im Umbau der Tierhaltung auf den Weg gebracht werden. Das zu CDU-Zeiten gescheiterte Tierwohl-Label wird nun durch eine verpflichtende Tierhaltungskennzeichnung ersetzt. Das ist richtig und wichtig, denn die Tierhaltung ist neben dem Tierwohl auch ein Gradmesser für Umwelt- und Klimaschutz. Es wurde auch höchste Zeit, dass Transparenz in das Label-Chaos im Bereich Fleisch kommt: Die unterschiedlichen freiwilligen, privatwirtschaftlichen Tierwohllabel haben teils einen niedrigen Standard und schädigen so weiter das Vertrauen in die Güte der Tierhaltung in Deutschland. Nur wenn, wie unter dem angekündigten Tierhaltungskennzeichnungsgesetz geplant, in Zukunft jedes Produkt tierischer Herkunft verpflichtend gekennzeichnet wird, kann Transparenz und Glaubwürdigkeit garantiert werden. Ich hoffe darauf, dass nach Vorlage des Gesetzes die EU-Kommission zügig notifiziert und dass sie das Vorausgehen Deutschlands bei der Tierhaltungskennzeichnung als Weckruf versteht, um auch selbst in diesem Punkt voranzukommen.

Das BMEL hat fünf Stufen für die Haltung geplant. Besonders freut mich, dass Bio als höchste Stufe festgeschrieben wurde. Mit der Biolandwirtschaft wurde in der EU ein beispielloses System geschaffen, welches streng kontrollierte und hohe Standards vorgibt, auch in der Tierhaltung. Kritisch sehe ich hingehen die Einführung der Stufe zwei der Haltungskennzeichnung, die Haltungsform ‚Stall+Platz‘. Die minimalen Verbesserungen, die die Tiere auf dieser Stufe erfahren, sind meiner Meinung nach einer eigenen Stufe kaum würdig. Die Einführung dieser Stufe ist wohl ein notgedrungener Kompromiss mit dem Einzelhandel sowie dem engen Finanzrahmen geschuldet, welcher wiederum auf die Blockadehaltung der FDP zurückzuführen ist.

Zunächst wird das Konzept der Tierhaltungskennzeichnung nun in den kommenden Monaten in der Schweinehaltung umgesetzt. Es ist nachvollziehbar, dass die Haltung bei einer Tierart starten muss, jedoch ist es wichtig, nun zügig weitere folgen zu lassen. Gerade der Umbau im Bereich Rind hätte, neben dem Tierwohl, viele positive Effekte auf Umwelt- und Klimaschutz, insbesondere wenn man Weidehaltung besonders honoriert.

Worauf es nun in den kommenden Monaten ankommen wird, ist die Umbaufinanzierung. Der Umbau der tierhaltenden Landwirtschaft hin zu mehr Tierwohl, Umwelt- und Klimaschutz muss ausreichend unterstützt werden. Die dafür benötigten Gelder dürfen keinesfalls vom liberalen Koalitionspartner in Deutschland künstlich niedrig gehalten werden. Sonst kann der Umbau der Tierhaltung nicht gelingen.“

Weitere Informationen:

Eckpunkte für eine verpflichtende staatliche Tierhaltungskennzeichnung des BMEL: https://www.bmel.de/SharedDocs/Downloads/DE/_Tiere/Tierschutz/eckpunkte-tierhaltungskennzeichnung.html

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Europabüro

Martin Häusling, MdEP Mitglied des Europäischen Parlaments
Koordinator für die Grünen/EFA im Agrarausschuss (AGRI), Mitglied des Umweltausschuss (ENVI)

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11.05.2022

Liste der Reserveantibiotika: Segen des Umweltausschusses bleibt aus


Heute Morgen fand im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments ein Meinungsaustausch mit der Europäischen Kommission zur zukünftigen Liste derjenigen Antibiotika statt, die den Menschen vorbehalten bleiben sollen. Zentraler Punkt dabei ist, welche Antibiotika in der Humanmedizin eingesetzt werden können und welche bei Tieren, v.a. in der industriellen Tiermast. Im Kontext zunehmender Antibiotikaresistenzen kann dies eine lebensentscheidende Frage sein. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, kommentiert:

„‚Überzeugt sind wir nicht‘, so lassen sich die Rückmeldungen der Mitglieder des Umwelt- und Gesundheitsausschusses auf die Pläne der Europäischen Kommission zusammenfassen. Fraktionsübergreifend betonten die Mitglieder, dass der Vorschlag der Europäischen Arzneimittelagentur EMA von der Europäischen Kommission nicht zur Gesetzesvorlage für die Liste der Reserveantibiotika gemacht werden dürfe.
Die Liste enthält kein einziges derjenigen Antibiotika, die die Weltgesundheitsorganisation WHO als die für Menschen am allerwichtigsten Antibiotika einstuft (‚highest critically important antimicrobials for human use‘), welches nicht jetzt schon für die Verwendung bei Tieren nicht mehr zugelassen ist - alle aktuell erlaubten Antibiotika bleiben also weiterhin für Tiere erlaubt. Die Liste der WHO wird somit nicht umgesetzt.
Sollte die EU-Kommission die Liste ohne Änderungen übernehmen, wird der Gesamtansatz der Tierarzneimittelverordnung unterlaufen, entschieden gegen einen routinemäßigen Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung und damit gegen die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen vorzugehen. Die jetzige Liste schafft sogar einen Anreiz, weitere Präparate in der EU mit diesen Substanzen zuzulassen und damit einen höheren Verbrauch zu erzeugen.
Auch ist die Bewertungsgrundlagen der EMA anzuzweifeln - diese scheint nicht immer dem neusten Kenntnisstand zu folgen. Anders ist es nicht plausibel erklärbar, warum Colistin nicht für den Einsatz bei Tieren verboten wird. Schließlich ist bekannt, dass auf den Einsatz von Colistin sehr wohl verzichtet werden kann, wenn ein Mix aus Impfungen, Hygiene- und Managementmaßnahmen zielgenau eingesetzt wird. Einzelne EU-Länder wie Dänemark sehen inzwischen komplett von der Anwendung von Colistin ab, ebenso die Biolandwirtschaft. Es geht also ohne!
Die Aussage der Europäischen Kommission, dass die vorgelegte Liste vielleicht noch nicht der perfekte Schritt sei, aber ein wichtiger, ist ungenügend. Dass sie dafür vom CDU-Abgeordneten Norbert Lins volle Unterstützung bekommt, spricht Bände. Die Pharmaindustrie hat ganze Arbeit geleistet. Im Ausschuss der Mitgliedsländer haben sich nur drei Mitgliedsländer, darunter Deutschland, für die Aufnahme von Colistin und damit gegen die Übernahme des EMA-Vorschlages eingesetzt. Auch dieser dürfte mehrheitlich von Veterinärmediziner:innen besetzt sein, genauere Angaben zu den Ausschussmitgliedern aus dem Bereich der Humanmedizin blieb die Kommission schuldig.“

Weitere Informationen:
Hintergründe zu Martin Häuslings Einspruch gegen die Kriterien zur Erstellung der Liste der Reserveantibiotika: https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

Studie im Auftrag von Martin Häusling zu Reserveantibiotika bei Tieren, die der Lebensmittelgewinnung dienen: https://martin-haeusling.eu/presse-medien/publikationen/2766-studie-zu-reserveantibiotika-bei-tieren-die-der-lebensmittelgewinnung-dienen.html

Redebeitrag Martin Häusling im Umwelt- und Gesundheitsausschuss am 11.05.22: https://www.youtube.com/watch?v=vfzo17IxA_g

 

01.04.2022

Appell an entscheidenden Ausschuss: Reserveantibiotika streng regulieren!

Das Ringen um die Ausgestaltung der Liste der Reserveantibiotika geht in eine weitere Runde. Es handelt sich dabei um diejenigen Antibiotika, die zukünftig der Behandlung von Menschen vorbehalten bleiben sollen. Der entsprechende Vorschlag der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) stieß im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments auf heftige Kritik. Am 4. April wird der Vorschlag nun im Arbeitsgremium der Europäischen Kommission diskutiert - diesem kommt bei der weiteren Ausgestaltung der Liste eine Schlüsselrolle zu. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments, kommentiert:

„Ich appelliere ausdrücklich an die Mitglieder des Ständigen Ausschusses für Tierarzneimittel, sich kritisch mit dem Vorschlag der EMA auseinanderzusetzen und diesen in seiner jetzigen Form nicht als Blaupause für den Durchführungsrechtsakt anzunehmen.  Der EMA-Vorschlag reserviert nur Antibiotika für die Humanmedizin, die für Tiere in der EU eh nicht verwendet werden dürfen. Das reicht so nicht, die Liste muss unbedingt um weitere Antibiotika erweitert werden. Die WHO hat hierzu ausreichend Vorschläge gemacht.

Wird der EMA-Vorschlag nicht um weitere Antibiotika ergänzt, so bleibt alles beim Alten: Antibiotika werden weiterhin in der Tiermast verpulvert werden, industrielle landwirtschaftliche Systeme weiter mit Antibiotika am Laufen gehalten und die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen schreitet weiter voran. Als ob die 1.27 Million Tote, die weltweit jedes Jahr aufgrund von Resistenzen nicht mehr therapierbar sind, nichtwake up call genug wären.

Obwohl die EMA in ihrem Vorschlag behauptet, die Tiergesundheit zu schützen, geht der Vorschlag eindeutig nicht auf einige Tierschutzbedenken im Zusammenhang mit dem übermäßigen und missbräuchlichen Einsatz von antimikrobiellen Mitteln ein.

Auch für Colistin, eines der meistgenutzten Antibiotika in der Tiermast, legt die EMA kein überzeugendes Argument dafür vor, warum es weiterhin in der Tiermast eingesetzt werden darf. Zwischen 2011 und 2020 hat der Verbrauch von Colistin in europäischen Krankenhäusern um 67 % zugenommen. Colistin wird in der Gesundheitsversorgung in Europa immer wichtiger und sollte besonders sorgsam eingesetzt werden. Ein großflächiger Einsatz in der Schweinemast, als Ausgleich für die zu frühe Entwöhnung der Ferkel von der Muttermilch, ist aber weder artgerecht noch hilft es, Colistin als Lebensretter zu bewahren. Diese falsche Empfehlung der EMA zu Colistin ist Anlass genug, auch die Empfehlungen der EMA zu den anderen Antibiotika zu überprüfen.

Der Ständige Ausschuss für Tierarzneimittel wird am 4. April über den EMA-Vorschlag entscheiden. Da die Mitglieder dieses Ausschusses, der sich aus Vertreter*innen aus den Agrarministerien der Mitgliedsstaaten zusammensetzt, nicht öffentlich bekannt sind, habe ich mich gestern zusammen mit fünf grünen Kolleginnen und Kollegen in einem Brief an sie und die europäische Gesundheitskommissarin Kyriakides gewandt.“

 

 

Weitere Informationen:

Webstream des Umwelt- und Gesundheitsausschusses des Europäischen Parlaments zum Austausch über das EMA-Gutachten

Weitere Infos zu Reserveantibiotika von Martin Häusling

15.03.2022

EMA-Gutachten zu Reserveantibiotika: Klar abgelehnt im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat heute im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments ihren Vorschlag für die Liste der Antibiotika vorgestellt, die zukünftig für die Behandlung von Menschen reserviert bleiben sollen. Die Abgeordneten des Ausschusses lehnten den EMA-Vorschlag parteiübergreifend ab. Auch Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, übte scharfe Kritik an der Liste:

„Die EMA-Liste macht fassungslos: Von der angekündigten Einschränkung der Antibiotika für die Veterinärmedizin ist nichts zu sehen! Alle Antibiotika, die die EMA als Reserveantibiotika listet, sind eh nicht in der EU als Tierarzneimittel zugelassen. Das heißt konkret: Alles bleibt beim Alten, lebensrettende Reserveantibiotika werden weiterhin in der Tiermast verpulvert.

Schon jetzt gibt es weltweit mehr als eine Million Tote pro Jahr, weil Antibiotika aufgrund bestehender Resistenzen nicht mehr wirken.Weltweit werden zwei Drittel aller Antibiotika in der Tierhaltung verabreicht. Fast 90 Prozent davon in der Massentierhaltung, in der EU sind es stolze 50 Prozent: hier müssen wir dringend ansetzen, wenn wir die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen eindämmen wollen.

Die Aussage der Kommissionsvertreterin, dass die Liste ja aber ein erster Schritt sei und die Liste über die Zeit angepasst werden könne, ist schwach. Die EMA-Liste ist weniger als ein erster Schritt, sie ist ein Verharren im gesundheitsgefährdenden und unzureichenden Ist-Zustand.

Selbst Colistin, eines der meistgenutzten Antibiotika in der Tiermast, ist nicht Teil der EMA-Liste.  Dabei gibt es immer mehr Fälle von Patientinnen und Patienten mit resistenten Keimen, bei denen Colistin das einzige Mittel ist, das noch wirkt. Die Aussage der EMA, dass es Zeit und Geld bedürfe, Colistin zu ersetzen, überzeugt nicht. Wir haben keine Zeit mehr, wenn wir lebensrettende Reserveantibiotika für den Menschen bewahren wollen. Die bisherigen politischen Vorgaben zur Einschränkung von Antibiotika in der Tiermast haben nicht ausreichend gefruchtet und werden es auch mit der EMA-Liste nicht tun.

Die Europäische Kommission kann diesen EMA-Vorschlag nicht übernehmen, wenn sie sich nicht absolut unglaubwürdig machen möchte. Schließlich hat die Kommission selbst noch im September 2021 verkündet und in der heutigen Aussprache wiederholt, dass ‚die Anzahl der antimikrobiellen Mittel, die noch für die Verwendung bei Tieren zur Verfügung stehen sollen, auf das absolute Minimum reduziert werden soll‘, siehe. Sieht sie nicht, dass sie mit der EMA-Liste genau das aber nicht tut und dringend nachbessern muss?

Auch wenn das EU-Parlament formal nicht in die weitere Ausarbeitung der Liste eingezogen werden muss, sollte die Kommission die heutige Aussprache als wichtigen Fingerzeig sehen. Fraktionsübergreifend haben sich alle Abgeordneten gegen den EMA-Vorschlag ausgesprochen. Die Mitgliedsländer rufe ich auf, ihrerseits alles dafür zu tun, dass der EMA-Vorschlag nicht zum Gesetzestext wird.“

Weitere Informationen:

Redebeitrag Martin Häusling am 15.3. im Umwelt- und Gesundheitsausschuss zur EMA-Liste

Webstream des Umwelt- und Gesundheitsausschusses des Europäischen Parlaments zum Austausch über das EMA-Gutachten

Weitere Infos von Martin Häusling zu Reserveantibiotika

10.03.2022

Reserveantibiotika - Langerwarteter Listenvorschlag der EMA gefährdet Gesundheit der Menschen!

Letzte Woche hat die Europäische Kommission die von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) erarbeitete Liste der Reserveantibiotika veröffentlicht. Alle Antibiotika, die auf der finalen Liste stehen, werden zukünftig für die Behandlung von Menschen reserviert bleiben, für Tiere also tabu sein. Die Liste ist Teil der neuen EU-Tierarzneimittelverordnung und ist in Zeiten zunehmender Antibiotikaresistenzen von elementarer Bedeutung für die Eindämmung von Antibiotikaresistenzen und die Behandlung erkrankter Menschen.

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments, hat sich für die Bewahrung lebensrettender Antibiotika für die Humanmedizin eingesetzt. Er kommentiert:

„Die von der EMA vorgestellte Liste enttäuscht maßlos. Sie darf so keinesfalls zur gesetzlichen Vorgabe gemacht werden. Ich zähle jetzt auf die Mitgliedsländer, dass sie den EMA-Vorschlag grundlegend überarbeiten. Würde die Liste, so wie von der EMA vorgeschlagen, in Kraft treten, erreichen wir ganz sicher nicht eine Reduktion des Antibiotikaeinsatzes in der Tiermast. Der weiteren Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen ist damit Tür und Tor geöffnet.

Der EMA-Vorschlag enthält ausschließlich antimikrobielle Mittel, die derzeit nicht als Arzneimittel in der EU zugelassen sind. Das heißt konkret: alles bleibt beim Alten. In diesem Licht erscheint die neue Tierarzneimittelverordnung als bloße Makulatur. Die Europäische Kommission kann diesen EMA-Vorschlag nicht hinnehmen, wenn sie sich nicht absolut unglaubwürdig machen möchte. Schließlich hat die Kommission selbst noch im September 2021 verkündet, dass ‚die Anzahl der antimikrobiellen Mittel, die noch für die Verwendung bei Tieren zur Verfügung stehen sollen, auf das absolute Minimum reduziert werden soll‘,siehe .

Die EMA-Liste setzt die Vorgaben der Tierarzneimittelverordnung nicht um, nach der Antibiotika in der Veterinärmedizin eingeschränkt werden müssen und Reserveantibiotika nur noch in dringenden Fällen eingesetzt werden dürfen. Im Gegenteil, der EMA-Vorschlag ist sogar kontraproduktiv, denn er ermöglicht es Pharmafirmen für den Bereich Tiermedizin neue Arzneimittel zuzulassen - mit Substanzen, die auch nach Meinung der WHO auf den Index gehören.

Selbst Colistin, eines der meistgenutzten Antibiotika in der Tiermast, ist nicht Teil der EMA-Liste.  Dabei gibt es immer mehr Fälle von Patientinnen und Patienten mit resistenten Keimen, bei denen Colistin das einzige Mittel ist, das noch wirkt.

Am morgigen Freitag wird die EMA ihren Vorschlag in der Arbeitsgruppe des Ständigen Ausschusses für Tierarzneimittel vorstellen, lehnt diese den Vorschlag ab, so muss er überarbeitet werden. Ich appelliere dringend an das Verantwortungsbewusstsein der Mitglieder dieses Ausschusses dem EMA-Vorschlag nicht zuzustimmen! Auch die einzelnen EU-Mitgliedsländer, die in einer späteren Phase der Listenfinalisierung, ihre Zustimmung oder Ablehnung zum Ausdruck bringen müssen, dürfen der Liste in dieser Form nicht zustimmen, wenn sie es ernst meinen mit der Eindämmung von Antibiotikaresistenzen.

Im Europäischen Parlament wird der Listenvorschlag der EMA am kommenden Dienstagvorgestellt. Im Gegensatz zur Position der Mitgliedsländer muss die Position des Europäischen Parlaments bei der Finalisierung der Liste aber nicht in Erwägung gezogen werden.“

Weitergehende Informationen:
PM von Martin Häusling zur neuen Tierarzneimittel-Verordnung: https://martin-haeusling.eu/presse-medien/pressemitteilungen/2813-ab-heute-gelten-sie-neue-regeln-fuer-tierarzneimittel-und-antibiotika.html

FAQ-Seite zum Einspruch gegen die Kriterien für die Erarbeitung der Liste der Reserveantibiotika: https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

18.02.2022

Antibiotika-Resistenzen: Immer noch fehlt die entscheidende Liste der Reserve-Antibiotika

In einem Brief an EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides mahnt, Martin Häusling, Mitglied im Agrar- und Umweltausschuss des Europäischen Parlaments, die überfällige Liste der künftig allein im Humanbereich und nicht länger in der Tiermast anwendbaren Reserve-Antibiotika an. Denn die ist ein zentrales Element der seit knapp drei Wochen geltenden neuen EU-Tierarzneimittel-Verordnung:

„Ohne die - aus mir nicht verständlichen Gründen - noch ausstehende Liste der aus dem Stall zu verbannenden Antibiotika bleiben all die seit vielen Jahren geführten Bemühungen, das Problem der Eindämmung von Antibiotika-Resistenzen endlich zu lösen, lückenhaft. Ärzte und Tierhalter aber brauchen endlich Klarheit darüber, welche Reserve-Arzneien künftig im Stall nicht mehr verwendet werden dürfen, da sie im Sinne des menschlichen Gesundheitsschutzes ausschließlich der Humanmedizin dienen sollen.

Die zuständige EU-Kommissarin Stella Kyriakides bleibt in dem Antwortbrief, den wir am 16. Februar erhielten, gerade in dieser Frage leider sehr vage und äußert sich wenig konkret. Ich meine: Diese Liste mit den für Menschen reservierten Arzneien hätte längst vorliegen können und auch müssen, um begleitend zur novellierten Tierarzneimittel-Verordnung auf dem Tisch zu liegen.

In meinem heutigen Brief an EU-Kommissarin Kyriakides bitte ich zudem dringlich darum, die Daten und Studien der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA zugänglich zu machen, die der jeweiligen Eingruppierung der in Frage stehenden Medikamente zugrunde gelegt wurden. Wir müssen gerade in diesem Punkt insistieren, um ausschließen zu können, dass nicht doch durch die Hintertür aus unserer Sicht bedenkliche Arzneien für den Gebrauch in der Tiermedizin zugelassen werden.
Ich glaube, dass trotz aller Mahnungen der Humanmedizin das Problem eines falschen, eventuell auch missbräuchlichen Einsatzes von Reserve-Antibiotika bei einigen Verantwortlichen immer noch nicht in seiner Brisanz angekommen ist. Wir Grüne werden nicht lockerlassen, um das Resistenzproblem im Konflikt zwischen Human- und Tiermedizin dauerhaft zu lösen.“

28.01.2022

Ab heute gelten sie: Neue Regeln für Tierarzneimittel und Antibiotika

Vom heutigen Freitag an gilt die neue EU-Tierarzneimittel-Verordnung. Damit bestehen in der EU verbesserte Regeln zur Eindämmung von Antibiotikaresistenzen. Das zentrale Element, die Liste der künftig allein Menschen vorbehaltenen Antibiotika fehlt aber noch. Martin Häusling, Mitglied im Agrar- und Umweltausschuss des Europäischen Parlaments und grüner Schattenberichterstatter für die Verordnung, kommentiert:

„Mehr als eine Million Tote pro Jahr, weil Medikamente aufgrund bestehender Resistenzen nicht mehr wirken! So stand es erst vergangene Woche in den Medien. Das Problem der zunehmenden Antibiotikaresistenzen wird endlich begriffen.
Weltweit werden zwei Drittel aller Antibiotika in der Tierhaltung verabreicht. Fast 90 Prozent davon in der Massentierhaltung. Die Veterinärmedizin hat also einen entscheidenden Anteil daran, wie Antibiotikaresistenzen sich ausbreiten. In der neuen EU-Tierarzneimittel-Verordnung finden sich einige Regelungen, die zu einem überlegteren Umgang mit Antibiotika beitragen werden.
Die neue Verordnung sieht vor, dass umfassendes Datenmaterial zum Verkauf und zur Verwendung von Antibiotika erhoben werden muss. Richtig so, denn die Daten sind eine wichtige Grundlage um gezielt den Einsatz von Antibiotika reduzieren zu können.
Sehr gut ist auch, dass Importe von Tieren oder von Tiererzeugnissen, die mit in der EU für Tiere verbotenen Antibiotika erzeugt wurden, explizit verboten sind.
Die neue Verordnung lässt aber insgesamt zu viel Interpretationsspielraum in Bezug auf die Antibiotikaverwendung bei Tieren. So heißt es in Artikel 107(1), dass Antibiotika ‚nicht routinemäßig eingesetzt oder angewendet werden dürfen um mangelhafte Hygiene, unzulängliche Haltungsbedingungen oder Pflege oder unzureichende Betriebsführung auszugleichen‘. Was aber genau mit einem „routinemäßigen“ Einsatz gemeint ist, bleibt undefiniert und nebulös.
Der prophylaktische Einsatz von Antibiotika in Tiergruppen ist zwar verboten. Bei Einzeltieren oder wenigen Tieren bleibt er aber bei einer drohenden Infektion mit schweren Folgen erlaubt.
Auch die metaphylaktische Behandlung, also die medizinische Versorgung, wenn bereits eine Infektionskrankheit im Bestand vorliegt, bleibt bei hohem Ausbreitungsrisiko und bei fehlenden Alternativen erlaubt. Die leider noch immer gängige Praxis, Antibiotika übers Futter- oder Getränkesystem an alle Tiere zu verabreichen, wie oftmals vor allem in der Geflügelmast praktiziert, wird ebenfalls leider nicht explizit ausgeschlossen.
Die größte Sorge bereitet mir jedoch, dass die Europäische Kommission noch immer nicht ihre Liste mit all denjenigen Antibiotika veröffentlicht hat, die künftig allein der Behandlung von Menschen vorbehalten bleiben. Erst mit der Veröffentlichung dieser Liste lässt sich sagen, welche Antibiotika nicht mehr für Tiere verwendet werden dürfen. Erst dann lässt sich abschätzen, wie wirksam die Entstehung und Ausbreitung antimikrobieller Resistenzen eingeschränkt werden kann.
Um die genaue Ausgestaltung der Kriterien dieser Liste gab es im Sommer 2021 einen heftigen Schlagabtausch. Mit der von der EU-Kommission genutzten und vom Tierärzteverband unterstützten Herangehensweise an die Liste bin ich nicht einverstanden. Die Liste sollte längst vorliegen. Ich habe die EU-Kommission deshalb in einem gesonderten Schreiben zur Eile gemahnt.“

Weitere Informationen:

- Redebeitrag Martin Häusling im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments am 27.1.2022

- Martin Häusling zu Antibiotika in der Tiermast   

20.01.2022

Tiertransporte: EU-Kommission und EU-Mitgliedsländer müssen endlich Missstände beenden

„Die EU-Mitgliedstaaten müssen die Tiertransporte endlich schärfer kontrollieren“, verlangt Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss, als Konsequenz aus der Plenarabstimmung zum Abschlussbericht des Sonderausschusses „Tiertransporte“ (ANIT) und der Abstimmung der Empfehlungen zur Überarbeitung der aktuellen EU- Gesetzesgrundlage zu Tiertransporten:

„Der heute verabschiedete Bericht des Sonderausschusses bringt zwar einige Verbesserungen für die Weise, in der Tiere oft über lange Strecken transportiert werden. Doch ein wirkliches Ende des seit Jahren immer wieder beklagten, aber nie wirklich gestoppten Tierleids wird es auch jetzt nicht geben, solange Kommission und Mitgliedstaaten Verstöße nur lax oder gar nicht ahnden.
Wir bedauern sehr, dass sich die konservative Mehrheit des Parlaments nicht unseren Minimalforderungen zur Dauer aller Tiertransporte durchringen konnte. Eine Begrenzung auf 8 Stunden nur für Schlachttransporte reicht nicht aus.
Es genügt auch nicht, sich darauf zu verlassen, Fahrten in Nicht-EU-Staaten nur dann zu erlauben, wenn auch auf diesem Weg EU-Recht eingehalten wird. Ich bezweifle, dass dies bei den immer wieder zu Recht kritisierten Tiertransporten in die Türkei, Libyen oder den Nahen Osten garantiert werden kann. Solche Exporte sollten komplett gestrichen werden, statt sich auf die Forderung zu beschränken, dass solche Transporte nach dem hierzulande geltenden Recht abzuwickeln sind.
Denn dem an sich in Europa rein rechtlich vorgeschriebenen hohen Standard steht die oft entsetzliche Realität gegenüber: Ich verlange, dass die Mitgliedstaaten endlich das bestehende Recht konsequent umsetzen und wesentlich schärfer Verstöße ahnden. Diese heute leider oft ausbleibende oder nachlässige Kontrolle stellt das eigentliche Problem der Tiertransporte dar. An diesem Punkt könnten alle beteiligten Länder sofort erhebliche Verbesserungen einleiten und damit skrupellosen Tiertransportern das Handwerk legen.“

Abschlussbericht des Sonderausschusses „Tiertransporte“ des EU-Parlaments

Aktuelle EU- Gesetzesgrundlage zu Tiertransporten

03.12.2021

Votum zu Tiertransporten: Kraftlos, weil ohne zeitliches Limit von Transporten

Den Abschlussbericht des Sonderausschusses „Tiertransporte“ des EU-Parlaments kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Tiertransporte bedeuten oftmals großes Leid für Tiere. Das wollen die Abgeordneten des Europaparaments ändern: Der Bericht des Sonderausschusses sieht vor, Lebend-Transporte einzuschränken, ein Mindestalter für die Tiere vorzugeben sowie klare Regelungen für Versorgung und Temperaturen in den Transportern zu erlassen. Darin sehen wir Grüne tatsächlich einen gewissen Fortschritt, die nach 18 Monaten der Beratung gefundenen Empfehlungen stellen eine Verbesserung dar.
Leider wurde eine unserer zentralen Forderungen, nämlich die Transportzeit auf maximal acht Stunden zu begrenzen, von der Mehrheit des Ausschusses verworfen. Diese Begrenzung aber ist unerlässlich, wenn man es mit dem Tierschutz ernst meint. Ich appelliere deshalb an das Parlament, bei der finalen Abstimmung im Januar 2022 den Bericht des Ausschusses in diesem Punkt zu korrigieren. Es ist völlig unnötig, Tieren diese Qual zuzumuten.
Die Kommission ist dringend aufgefordert, nicht länger die Augen vor dem Problem, der auch nach Einführung einer Kamera-gestützten Überwachung nur schwer zu kontrollierenden Verfrachtungen lebender Nutztiere zu verschließen. Es genügt nicht, daran zu appellieren, lange Transporte zu vermeiden. Und es genügt auch nicht, sich darauf zu verlassen, wenn Fahrten in Nicht-EU-Staaten nur dann erlaubt werden sollen, wenn auch auf diesem Weg EU-Recht eingehalten wird. Ich bezweifle, dass dies bei den immer wieder zu Recht kritisierten Tiertransporten in die Türkei, Libyen oder den Nahen Osten garantiert werden kann. Solche Exporte sollten komplett gestrichen werden.
Seit Jahren ist die Grüne Fraktion aktiv und zeigt in Veranstaltungen mit der Kommission, Tierärzten und Aktivistin oder Aktionen einzelner Abgeordneter mit der Polizei, die konkreten Schwachstellen bei Tiertransporten auf. Dennoch behauptet die verantwortliche Administration der Kommission, die Kontrollen seien gut und die Verstöße lägen in einem niedrigen Bereich.
Nun fordert der Sonderausschuss „Tiertransporte“ die politische Führung der Kommission auf, diese offensichtliche Fehleinschätzung der Verwaltung zu korrigieren, denn die Verordnung zu Tiertransporten ist mangelhaft, das ist das klare Fazit der Arbeit des Sonderausschuss „Tiertransporte“.
Der Bericht macht deutlich, dass die Bedürfnisse der Tiere je Art, Alter, Größe nicht gegeben sind. Darüber hinaus müssen spezifische Vorschriften zu Fütterung und Tränken sowie Temperatur angepasst werden.“

Abschlussbericht des Sonderausschusses „Tiertransporte“ des EU-Parlaments

Entwurf einer Empfehlung des EU-Parlaments an den EU-Rat und die EU-Kommission nach der Untersuchung von angeblichen Verstößen gegen das Unionsrecht und Missständen bei dessen Anwendung im Zusammenhang mit dem Schutz von Tieren beim Transport innerhalb und außerhalb der Union (2021/XXXX(RSP)

 

18.11.2021

Europäischer Antibiotikatag: Reserveantibiotika raus aus der Tiermast!

Im Sommer 2021 sorgte die Frage, ob und wie Reserveantibiotika in der Tiermedizin eingesetzt werden sollten für heftige Diskussionen und Lobbyschlachten. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, hatte sich dafür stark gemacht, Reserveantibiotika grundsätzlich für die massenhafte Verwendung in der Tiermast zu verbieten. Die politische Mehrheit unterstützte aber einen anderen Ansatz. Martin Häusling kommentiert:

„Antibiotika können Leben retten. Um ihre lebensrettende Wirkung zu erhalten, müssen wir sie sparsam einsetzen. Für die Massenanwendung in der Tiermast sind sie definitiv zu kostbar, v.a. die besonders wichtigen Reserveantibiotika. Allein in der EU sterben jedes Jahr 33.000 Menschen, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. In Deutschland sind es 2.400 Menschen.
Je mehr Antibiotika verabreicht werden, desto schneller breitet sich die antimikrobielle Resistenz aus. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit rund 66 Prozent aller Antibiotika in der Tierhaltung verabreicht werden. Fast 90% dieser Antibiotika werden in der Massentierhaltung eingesetzt, z.B. bei Masthühnern, Puten und Schweinen und nicht in der Einzeltierbehandlung.
Es wäre deshalb dringend erforderlich, den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast zu verbieten. Die neue EU-Tierarzneimittel-Verordnung, die im Januar 2022 in Kraft treten wird, hätte dies entsprechend regeln können, stattdessen setzte sie auf ein Listensystem: alle Antibiotika, die auf dieser Liste landen, sind für alle Tiere komplett verboten. Egal ob Einzeltier oder Gruppenbehandlung, egal ob Haustier oder Nutztier. Der Bundesverband praktizierender Tierärzte unterstützte diesen Ansatz vehement. Knackpunkt ist nun, welche Antibiotika auf dieser Liste landen werden. Die Europäische Kommission hatte angekündigt, dass noch vor Jahresende die entsprechende Liste vorliegen wird.
Abgesehen von den Reserveantibiotika ist es essentiell, auch alle anderen Antibiotika sorgsam und verantwortungsbewusst in der Tierhaltung einzusetzen. Die neue EU-Tierarzneimittel-Verordnung sagt dazu, dass antimikrobiell wirksame Arzneimittel nicht routinemäßig eingesetzt oder angewendet werden dürfen, um mangelhafte Hygiene, unzulängliche Haltungsbedingungen oder Pflege oder unzureichende Betriebsführung auszugleichen. Was routinemäßiger Einsatz ist wird allerdings nicht genauer dargestellt und es steht zu befürchten, dass der Artikel von vielen geflissentlich übersehen werden wird.
Es ist mittlerweile hinlänglich bekannt, dass es sehr wohl möglich ist, den Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung deutlich zu reduzieren: Das Immunsystem der Tiere kann durch artgerechtere Haltungsbedingungen und Fütterung gestärkt werden, auch Zucht und ein besserer Betreuungsschlüssel können einen Unterschied machen. Der Ökolandbau beweist, dass es auch ohne oder mit wesentlich weniger Antibiotika geht. Auch Länder wie Dänemark und die Niederländer zeigen, dass eine drastische Antibiotikareduktion machbar ist. Auch die anderen Länder müssen dringend nachziehen, wir erwarten von der Europäischen Kommission, dass sie für gesetzliche Grundlagen für ein Reserveantibiotikaverbot in der Tiermast sorgt und Sorge dafür trägt, dass andere Antibiotika tatsächlich nicht routinemäßig eingesetzt werden.“


Mehr Infos: https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

 

13.10.2021

Von wegen rückläufig: Antibiotikaverbrauch in der Tierhaltung nimmt zu

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat gestern Zahlen veröffentlicht, die die Abgabemengen von Antibiotika in der Tiermedizin für das Jahr 2020 wiedergeben. Die Zahlen belegen, dass es im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 4,6 Prozent gab. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, kommentiert:

„Das ist das Gegenteil von dem, was wir erreichen müssen. Und das Gegenteil dessen, was Vertreter der Veterinärmedizin behaupten. Die Auswertung der Abgabemengen von Pharma-Unternehmen und Großhändlern an Tierärztinnen und Tierärzte in Deutschland zeigt für die meisten Antibiotika eine Zunahme. Pikante Zusatzinformation: die Anzahl der Nutztiere hingegen ist rückläufig.

Besonders bedenklich ist, dass auch die Abgabe von Fluorchinolonen zugenommen hat. Diese Antibiotikagruppe ist in der Humanmedizin sehr wichtig, eine Resistenzentwicklung muss auf jeden Fall vermieden werden, um die Wirksamkeit des Antibiotikums zu erhalten. Das ist schwierig, wenn sie großflächig eingesetzt werden.

In den letzten Monaten haben wir eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung um die zukünftige Regelung der besonders wichtigen Reserveantibiotika geführt. Knackpunkt war, welche Antibiotika zukünftig der Behandlung von Menschen vorbehalten bleiben sollen – und im Umkehrschluss welche für Tiere, insbesondere in der Gruppenbehandlung der Mast, gesperrt bleiben sollen. In Zeiten zunehmender Resistenzentwicklungen ein hoch-wichtiges Thema. Der Widerstand von Seiten des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte war enorm – nicht überraschend, wenn man sieht wie sehr die Tiermast auf die Antibiotika baut.

Ein Weiter-so darf es nicht geben. Statt weiterhin Antibiotika in der Tiermast einzusetzen, müssen unsere Tierhaltungssysteme generalüberholt werden. Klasse statt Masse ist das Stichwort: bessere Haltungsbedingungen, sorgfältige Rassenauswahl, gute Betreuungsschlüssel. Tierhaltung mit weniger Antibiotikaeinsatz ist absolut machbar.

Die bisherige Datenerfassung lässt es nicht zu, die genaue Verwendung der Antibiotika per Tierart oder Einsatzort aufzuschlüsseln. Das wird mit der neuen EU-Tierarzneimittelverordnung in den nächsten Jahren besser werden. Es steht aber stark zu vermuten, dass die Antibiotika vor allem in der Tiermast eingesetzt werden und nicht etwa bei Haustieren. Die vom BVL veröffentlichte Abbildung zu den Antibiotika-Abgabemengen zeigt deutlich einen Hotspot im Westen Deutschlands, besonders in der Region Vechta-Cloppenburg, bekanntlich ein Eldorado der Massentierhaltung.

Die vom BVL veröffentlichten Zahlen sind ein Weckruf: Antibiotika in der Tierhaltung müssen eingeschränkt werden. Insbesondere die für den Menschen lebensrettenden Reserveantibiotika müssen in der Massentierhaltung verboten werden.“

Weitere Informationen mit vielen Links finden sich auf meiner FAQ-Seite: https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

Reserveantibiotika: Antwort auf Kommissarin Kyriakides im EU-Agrarausschuss am 09.09.21

16.09.2021

Reserveantibiotika: Böses Erwachen befürchtet

Die Mehrheit des Europäischen Parlaments votierte bei der Abstimmung über die künftigen Kriterien zur Verwendung von Reserveantibiotika für einen gefährlichen Kompromiss auf Kosten von menschlicher Gesundheit und zugunsten einer unbelehrbaren Agrarlobby, in dem es den ausgleichenden Gegenvorschlag der Grünen ablehnte. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments kommentiert:

„Wenn das mal nicht ins Auge geht. Mit seinem Votum hat das Europäische Parlament der EU-Kommission grünes Licht gegeben für die Erarbeitung der Liste derjenigen Antibiotika, die ab Januar 2022 als Reserveantibiotika allein der Behandlung von Menschen vorbehalten sein werden. Alle Stoffe, die auf dieser Liste landen, sind dann radikal für alle Tiere, egal welcher Spezies und welcher Haltungsform, gesperrt.
Dieser Ansatz kann nicht allen gerecht werden - Tiere oder Menschen, eine Seite wird auf der Strecke bleiben:
Kommen nur wenige Antibiotika zur Liste der Reserveantibiotika, dann droht die weitere Verwendung in Mastbetrieben und damit auch eine weiter fortschreitende Resistenzentwicklung.

Werden hingegen viele Antibiotika als Reserveantibiotika für den Menschen reserviert, so werden viele Tierärzte umdenken und so mancher Haustierhalter möglicherweise den Verlust seines Tieres beklagen müssen.
Der Vorschlag der Grünen sah einen guten Kompromiss zwischen Human- und Veterinärmedizin vor. Er hätte strenge Kriterien für die Bestimmung der Reserveantibiotika angelegt, den Einsatz dieser Reserveantibiotika in der Gruppenbehandlung von Tieren untersagt und gleichzeitig die Behandlung einzelner Tiere, wie Haustiere, ermöglicht.

Dass sich nun eine Mehrheit der EU-Parlamentarier für den Kommissionsvorschlag ausgesprochen hat - trotz der zahlreichen Unterstützerbekundungen von Ärzteschaft und Umweltverbänden für den Gegenvorschlag - führe ich vor allem auf die großangelegte Lobbykampagne des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte (bpt) zurück. In einer beispiellosen Kampagne instrumentalisierte die Organisation Haustierbesitzer für ihre Zwecke, operierte mit falschen Behauptungen, und zwar basierend auf Spekulationen über die künftige Ausgestaltung der Reserveliste.

Es erstaunt nicht, dass sich der bpt Seite an Seite mit der altbekannten Agrarlobby aus Bauernverband, Copa Cogeca und Konservativen ins Zeug gelegt hat. Aber es schmerzt - jetzt einige mit dem Thema vertrauten Menschen, zukünftig aber viele Tiere und Menschen.“

14.09.2021

Antibiotika-Verwendung bei Tieren: Morgen kritische Abstimmung im Europäischen Parlament

Die Emotionen in der Bevölkerung kochen hoch wie selten bei einer Abstimmung im Europäischen Parlament. Angeheizt durch eine großangelegte, jedoch in die Irre führende Lobbykampagne des Bundesverbands praktizierender Tierärzte (bpt) bangen vor allem Besitzer von Haustieren um die zukünftige medizinische Versorgung ihrer Lieblinge. Nun hat der bpt sich kurz vor der Abstimmung am morgigen Mittwoch nochmal öffentlich in die Diskussion eingebracht. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments und der Urheber des vom bpt so heftig kritisierten Vorschlages, kommentiert:

„Die Lobby-Kampagne trägt Früchte, denn die Sorge um ihre tierischen Schützlinge hat in Deutschland allein über 600 000 Menschen dazu gebracht, ihre Unterschrift für ein angeblich besseres gesetzliches Vorhaben zu leisten. Doch die Kampagne arbeitet auf Grundlage irreführender Argumente und leitet die Haustierfreunde aufs falsche Gleis. Der Schaden kann immens sein, und am Ende stehen dann möglicherweise die im Regen, die meinten, für das Gute zu handeln.

Bei der Abstimmung im Europäischen Parlament morgen geht es im Wesentlichen darum, welche Kriterien angelegt werden sollen bei der Sortierung von Antibiotika in ‚simple Antibiotika‘ und ‚Reserveantibiotika‘. Reserveantibiotika sind diejenigen, die als einzige Antibiotika und Arzneimittel überhaupt noch helfen können bei einer bakteriellen Infektion, wenn alle anderen Wirkstoffe nicht mehr wirken aufgrund von Antibiotikaresistenzen, und die für die Anwendung in der Humanmedizin reserviert werden sollen.

Schon jetzt sterben jedes Jahr in der EU 33 000 Menschen, weil bei ihnen kein Antibiotikum mehr anschlägt. Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto wahrscheinlicher und schneller die Resistenzentwicklung. Es ist daher absolut richtig, dass auch die Europäische Kommission strenge Regeln anwenden will beim Einsatz von Antibiotika in Human- und Veterinärmedizin.

Anlass für die Lobbyschlacht war der Vorschlag der Europäischen Kommission über diese Kriterien im Frühsommer. Dem Europäischen Parlament obliegt es bei einem solchen Vorschlag (in Form eines delegierten Rechtsaktes), seine stille Zustimmung zu erteilen oder aber Einspruch einzulegen. Der Kommissionsvorschlag war aber nicht hinnehmbar, da er auf einem Konflikt zwischen den Interessen der Humanmedizin und der Tiermedizin beruht. Alles was für den Menschen reserviert wird, soll kategorisch für Tiere ausgeschlossen werden. Das ist kontraproduktiv für die Humanmedizin, da so ein erheblicher Druck von der Veterinärseite gegen jegliche Listung zu befürchten ist. Andererseits ist es unverhältnismäßig, was die Tiermedizin betrifft, weil damit auch die Behandlung einzelner Tiere mit solchen Antibiotika ausgeschlossen wird.

Wir haben versucht, eine Brücke zu bauen: Anwendung der einschlägigen WHO-Kriterien zur Listung der Reserveantibiotika, im Gegenzug eine Ausnahme für die Einzeltierbehandlung. Daher habe ich einen Einspruch eingelegt. Anders als von bpt-Anhängern kolportiert war daran nichts Geheimes oder Intransparentes.

Der bpt forderte seine Mitglieder auf, den Kommissionsvorschlag zu unterstützen, damit auch zukünftig ihre Haustiere mit Antibiotika versorgt werden könnten. In der Logik des bpt sieht das so aus: Er geht davon aus, dass die Liste der Reserveantibiotika, also der Antibiotika, die nur für die Humanmedizin reserviert bleiben sollen, nur wenige Wirkstoffe enthalten wird. Das ist aber reine Spekulation des bpt.
Die letzten Verlautbarungen der Europäischen Kommission lassen stark vermuten, dass das Gegenteil der Fall sein wird. Die Kommission schreibt so beispielsweise in ihrem Factsheet, dass der Einsatz antimikrobieller Substanzen in der Veterinärmedizin auf das absolut Nötigste beschränkt wird. Weitergedacht bedeutet das - gemäß der aktuellen gesetzlichen Lage -, dass die Antibiotika der Reserveliste absolut und ohne Ausnahmen für Tiere gesperrt sind. Ob nun Haustier oder Nutztier.

Der bpt selbst hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die Basisverordnung, die Tierarzneimittelverordnung, keine Ausnahmen zugesteht. Genau das vom bpt gebetsmühlenartig wiederholte Szenario, wonach ein Tierarzt einem Kind erklären muss, dass er ein vorhandenes Medikament für das Haustier nicht einsetzen darf, könnte dann Wirklichkeit werden.

In meinem Veto habe ich mich explizit dafür ausgesprochen, dass Reserveantibiotika auch für einzelne Tiere eingesetzt werden dürfen. Beim Einzeltier, ob Hund, Katze oder Kuh ist die Wahrscheinlichkeit der Resistenzentwicklung wesentlich geringer, als wenn eine ganze Tiergruppe, wie in der Tiermast, mit Antibiotika versorgt wird. Der bpt täte aus genau diesem Grund gut daran, meine Resolution zu unterstützen.

Ich fordere die Europa-Parlamentarier aber auch deshalb dazu auf, meine Resolution morgen zu unterstützen, weil sie strenge Vorgaben zur Gruppenbehandlung von Tieren macht. Metaphylaktische, also die vorsorgliche Vergabe von Reserveantibiotika an eine ganze Tiergruppe in der Tiermast über Futter oder Tränkesystem, soll damit unmöglich gemacht werden. Auch das ist ein sehr wichtiger Aspekt bei der Eindämmung der Resistenzbildung und ist - anders als vom bpt behauptet - kein ‚an den Pranger stellen‘ von Haltungsbedingungen, sondern ein Hebel um genau diese Haltungsformen im Sinne des Tierwohls zu verbessern.“

Weitere Informationen mit vielen Links finden sich auf meiner FAQ-Seite: https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

08.09.2021

FAQ zu Antibiotika-Einwand

FAQ

Aufgrund des großen Interesses stellen wir hier FAQ-Informationen (update 10.09.21) und ein Statementzur Verfügung und möchte auf den Beitrag der FAZ "Die Grünen wollen Antibiotika für Haustiere verbieten, behaupten Tierärzte - dabei geht es um Menschenleben" vom 03.09.21 verweisen.

 

220517 Rechtsgutachten ResAntiBiotikaUpdate 17.05.22:

RECHTSGUTACHTEN zu den verfahrensrechtlichen Möglichkeiten zum Vorgehen gegen die auf Basis der Verordnung (EU) 2019/6 (Tierarzneimittel-VO) erlassenen Tertiärrechtsakte

210901 factsheet KOM Antibiotic

 

! factsheet der EU-Kommission zur Tierarzneimittel-Verordnung und der Regulierung von Antibiotika (sept. 2021)

 

 

Das Wichtigste zurerst: Die medizinische Versorgung von Haus- und Einzeltieren mit Antibiotika ist weder aktuell noch zukünftig gefährdet!

Kurz zum Hintergrund:

Wir wollen den Einsatz von Reserveantibiotika in der Massentierhaltung beschränken z.B. in der Hühner- und Putenmast. 

Derzeit haben wir jährlich 33.000 Tote in der EU wegen Antibiotika-Resistenzen.

Wir haben diesen Widerspruch (Punkt 1.-7. ltz. Seite)gemacht, weil die Kriterien der EU-Kommission für die Eindämmung nicht ausreichend waren.

Das Veto, das der EU-Umweltausschuss gegen den vorgeschlagenen Kriterienkatalog der EU-Kommission eingelegt hat, soll den Einsatz in der Massentierhalten verhindern, nicht die Einzelbehandlung von Tieren!

Die finale Abstimmung dazu wird Mitte September im EU-Parlament sein.
Wird das Veto im Parlament angenommen, muss die Kommission die Kriterien wie gefordert überarbeiten. Anhand dieser Kriterien werden dann die vorhandenen Antibiotika sortiert.

Mehr dazu im FAQ, dass noch weitere vertiefende Links enthält.

 

-> Liste der Verbände und Organisationen, die den Widerspruch unterstützen

-> Juristische Kurzanalyse von RA D. Bruhn vom 08.09.21:
Schwachstellen des im Entwurf vorliegenden delegierten Rechtsaktes sowie der Verordnung (EU) 2019/6 bezüglich eines viel diskutierten Verbots der Einzeltierbehandlung in Notfällen

-> english version: Brief legal analysis by RA D. Bruhn of 08.09.21:
Weaknesses of the draft delegated act and Regulation (EU) 2019/6 with regard to a much-discussed ban on the treatment of individual animals in emergencies

 

-> Titel Reserveantibiotika Studie „Recherche zu Reserveantibiotika bei Tieren die der Lebensmittelgewinnung dienen - Reserveantibiotika als Metaphylaxe und Gruppenbehandlung verzichtbar" (sept. 2021) 

Ausgewählte Artikel zum Thema:

Die Bundesärztekamme fordert in einer Pressemitteilung vom 08.09.21 zur EU-Tierarzneimittelverordnung:
Lebensrettende Reserveantibiotika ausschließlich Menschen vorbehalten Menschen vorbehalten

Schreiben der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin e.V. (GGTM) vom 08.09.21:
Tierärzteverband GGTM fordert Verbot von Reserveantibiotika für Masttiere

Artikel von Otmar Kloiber, WMA Weltärztebund vom 01.09.21 auf LinkedIn:
Are European Doctors heartless when it comes to the health of animals? No! Just the opposite.

06.09.2021

TAZ Antibiotika in der Tierhaltung: Tierschutzbund geht auf Grüne zu

06.09.21 TAZ - von Jost Maurin

Kommentar dazu vom 07.09.21: Debatte um Antibiotika für Tiere: Waldi muss nicht sterben

Der Verband bietet an, schärfere Regeln zur Gabe von Reserveantibiotika zu unterstützen. Aber: Einzelne Tiere sollen weiter behandelt werden dürfen.
Legehennen stehen im Stall in einem Betrieb für die Produktion von Eiern

BERLIN taz | Sie sind ein rares Gut oder sollten es zumindest sein: sogenannte Reserveantibiotika, die nur bei Krankheitserregern angewandt werden, die gegen andere Antibiotika schon resistent sind. Sollten die Medikamente weiter an Tiere gegeben werden, auch wenn sie dadurch schneller unwirksam werden könnten? Der Deutsche Tierschutzbund hat sich im EU-Streit über diese Frage ein Stück bewegt.

Verbandspräsident Thomas Schröder schrieb der taz, er werde den von den Grünen initiierten Antrag im Plenum des EU-Parlaments unterstützen, sobald „eindeutig belegt ist, dass die Notfallbehandlung von landwirtschaftlichen Tieren im Einzelfall weiter durchführbar bleibt und die Behandlungsmöglichkeiten anderer Tiergruppen nicht gefährdet sind“. Die Diskussion habe sich gelohnt, wenn die Formulierungen in der betreffenden EU-Verordnung und den zugehörigen Anträgen eindeutiger gefasst würden.

Der Tierschutzbund hatte sich der Kampagne des Bundesverbands praktizierender Tierärzte gegen einen vom Grünen-Abgeordneten Martin Häusling verfassten Beschluss des Umweltausschusses angeschlossen. Die Parlamentarier wollen, dass nur noch Menschen die wichtigen Reserveantibiotika bekommen. Das soll verhindern, dass die Medikamente unwirksam werden, weil durch zu häufigen Gebrauch der Präparate Bakterien resistent werden.

Allerdings fordern die Abgeordneten auch „Ausnahmeregelungen für die individuelle Behandlung“ von Tieren mit einer lebensbedrohlichen Krankheit. Untersagt wäre aber die bisherige Praxis, beispielsweise Tausenden Hühnern Reserveantibiotika ins Futter zu mischen, auch wenn nur einzelne Tiere erkrankt sind.

„Der Deutsche Tierschutzbund lehnt eine prophylaktische und pauschale Antibiotikagabe in der landwirtschaftlichen Tierhaltung ab“, betonte Schröder nun, nachdem taz.de über die Diskussion berichtet hatte, was kritische Nachfragen von Mitgliedern sowie Umweltverbänden nach sich zog. „Eine adäquate Behandlung von erkrankten Tieren muss im Sinne des Tierschutzes aber weiterhin gewährleistet bleiben – auch von landwirtschaftlich gehaltenen Tieren“, so Schröder. Häusling erklärte zu dieser Forderung: „Nichts anderes wollen wir.“ Dafür müsse die Tierarzneimittelverordnung von 2019 geändert werden.

Beispielsweise über Lebensmittel können gegen Antibiotika widerstandsfähige Erreger von Tieren auf Menschen übergehen. Laut einer von der EU finanzierten Studie sterben jährlich etwa 2.400 Deutsche, weil sie sich mit einem resistenten Keim infiziert haben.

04.09.2021

Stuttgarter Nachrichten - Reserveantibiotika sollen aus Ställen verbannt werden

04.09.21 Stuttgarter Nachrichten - von Bernhard Walker
 
Die EU-Kommission will den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast lediglich reduzieren. Vielen geht der Vorschlag nicht weit genug.
Brüssel Seit Jahren machen sich die Weltgesundheitsorganisation (WHO), die Ärzteschaft und die Bundesregierung dafür stark, Antibiotika nur noch gezielt in der Human- und Tiermedizin einzusetzen. So soll verhindert werden, dass sich Resistenzen bilden und die Medikamente nicht mehr wirken.
Die EU-Kommission will den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast mindern. Dem Europaparlament geht der Kommissionsvorschlag nicht weit genug. Wie ausgeprägt das Problem inzwischen ist, zeigen Daten des europäischen Netzwerks zur Überwachung von Resistenzen. Danach sterben in der EU jährlich etwa 33 000 Menschen, weil ihre Erkrankung nicht mit Antibiotika behandelt werden kann. Zuletzt gab es in Europa beim Menschen einen Jahresverbrauch von 4122 Tonnen, bei Nutztieren waren es 6558 Tonnen. Zwar setzen deutsche Tierärzte weniger dieser Mittel ein. Waren es 2011 noch 1706 Tonnen, ergab sich 2019 ein Wert von 670 Tonnen. Der Rückgang sieht aber besser aus, als er tatsächlich ist. Denn je Kilogramm Fleisch beträgt er nach Angaben der Europäischen Medizinagentur (Ema) 88 Milligramm, während es beispielsweise in Dänemark 38 Milligramm sind.
Lesen Sie aus unserem Angebot: Ist den Tieren noch zu helfen?
Ein Rückgang zeigt sich im landwirtschaftlichen Sektor bei den Reserveantibiotika – also bei Arzneien, die aus Sicht der WHO „höchste Priorität beim Menschen“ haben sollten und die Ärzte nur dann einsetzen, wenn kein anderes antibakterielles Mittel mehr hilft. Allerdings entfallen europaweit 14 Prozent der Antibiotika, die Tierärzte einsetzen, auf die Reservemedikamente. Und um vier dieser Mittel dreht sich nun der Streit zwischen der Kommission und dem Umweltausschuss des Parlaments.
Was die Kommission vorschlage, um weniger Reservemittel bei Geflügel oder Schweinen einzusetzen, sei zu schwach und nicht konkret genug, sagt der Grünen-Abgeordnete Martin Häusling. Der Plan unterscheide nicht zwischen Haustieren und Nutztieren und auch nicht danach, ob ein Tierarzt die Mittel zur Behandlung eines einzelnen kranken Tiers oder einer ganzen Gruppe einsetze.
Diese sogenannte Metaphylaxe ist ein gängiges Verfahren in Ställen, in denen die Tiere dicht gedrängt leben und Krankheitserreger leichtes Spiel haben: Sind nur wenige Tiere erkrankt, wird die ganze Gruppe behandelt – also auch gesunde Tiere. Und dieser breite, ungezielte Einsatz erhöht die Gefahr, dass sich Resistenzen bilden. Trotzdem sind Reserveantibiotika als Metaphylaxe ganz und gäbe. Das Mittel Colistin zum Beispiel wird zu 99 Prozent in dieser Form eingesetzt, zeigt eine Studie der Deutschen Umwelthilfe und der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin.
Der Ausschuss schlägt vor, die Reservemittel aus dem Stall zu verbannen – und sie nur in Ausnahmefällen zur Behandlung eines einzelnen Tiers zuzulassen. Häusling betont, dass es nicht darum gehe, die Behandlung von Katzen oder Hunden unmöglich zu machen – eine Sorge des Bundesverbands praktizierender Tierärzte. Er hat eine Kampagne gegen den Beschluss des Ausschusses gestartet. Vielmehr gehe es um Fortschritte in der Nutztierhaltung. „Heute bekommt jede Pute einmal in ihrem kurzen Leben Antibiotika. Und das geht nicht“, sagt Häusling.
So sieht es auch der Tierarzt Andreas Striezel. Deutschland müsse von anderen Staaten lernen: „In Skandinavien und den Niederlanden gibt es kaum noch Reserveantibiotika in der Tiermast.“ Änderungen am Konzept der Kommission verlangt auch Frank Ulrich Montgomery, der Präsident des Weltärztebunds: „Die Kommission verpasst gerade eine riesige Chance – die Chance, Menschenleben zu retten und das Tierwohl zu verbessern.“

02.09.2021

Neue Studie: Reserveantibiotika in der Tiermast sind großenteils ersetzbar

Die heute in einer europäischen Pressekonferenz vorgestellte Studie zeigt auf, dass es zu keinem Therapienotstand im Stall kommt, wenn der Einsatz für den Menschen lebensrettender Reserveantibiotika in der Gruppenbehandlung von Lebensmittel liefernden Tieren verboten wird. Im Kontext der fortschreitenden Resistenzentwicklung bekräftigen die Autorin und der Autor den dringenden politischen Handlungsbedarf in der EU und fordern auf, Alternativen in der Tierhaltung stärker in den Fokus zu nehmen. Martin Häusling, agrarpolitische Sprecher der Grünen/EFA im Europaparlament und Auftraggeber der Studie kommentiert:

„Nach Daten des Europäischen Antibiotika-Resistenz-Surveillance-Netzwerks (EARS-Net) sind antibiotikaresistente Bakterien für etwa 33.000 Todesfälle pro Jahr in der EU verantwortlich. Die Kosten für die Gesundheitssysteme der EU betragen etwa 1,1 Milliarden Euro pro Jahr, sagt die OECD. Es besteht Einigkeit darüber, dass Antibiotikaresistenzen eine zunehmende Gefahr für die öffentliche Gesundheit und das Gesundheitssystem darstellen. Wirksame Antibiotika sind unerlässlich für die moderne Medizin, deshalb appellieren Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Weltärzteverband an alle Staaten, die letzten wirksamen Antibiotika - Reserveantibiotika - zu schützen und nicht mehr an lebensmittelliefernde Tiere abzugeben. Leider beinhaltet der nun vorgeschlagene Umsetzungsakt der Kommission für die Handhabung der Reserveantibiotika keine solch strenge Regelung. Die Kommission ist damit den Empfehlungen der WHO nicht gefolgt, obwohl in der EU-Verordnung zu Tierarzneimitteln 2019/6 der umsichtige Einsatz antimikrobieller Wirkstoffe und die Vermeidung ihrer routinemäßigen „Vorsorge- und Gruppen“ –Anwendung gefordert wird. Zwar ging der hohe Verbrauch von Antibiotika in der Tierhaltung in den letzten Jahren etwas zurück, doch der Einsatz gerade der wichtigen Reserveantibiotika ist gestiegen. Das ist alarmierend!“

Reinhild Benning, Deutsche Umwelthilfe und Co-Autorin der Studie rechnet vor:
„Der Verbrauch des Reserveantibiotikums Colistin bei Lebensmittel liefernden Tieren liegt beispielsweise rechnerisch 17 x höher als bei Menschen. 90% der Verabreichung geschehen dabei als Gruppenbehandlung, was eine gezielte Behandlung kranker Tiere nicht ermöglicht und der Resistenzbildung Vorschub leistet. Wir dürfen die Wirksamkeit der Reserveantibiotika weder für Menschen noch für Tiere aufs Spiel setzen. Darum muss ihr Einsatz für eine Gruppenbehandlung im Bereich der Tiermast verboten werden, während Ausnahmen für Einzeltierbehandlungen erlaubt werden können.“
Auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) folgerte in seinem Zoonosen-Monitoring 2020: „Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Anstrengungen, den Antibiotikaeinsatz durch Verbesserungen der Tiergesundheit zu senken, weiter verstärkt werden müssen, um auf diesem Wege eine Reduktion der Resistenzraten zu erreichen. Ein Schwerpunkt hierbei sollte die Reduktion des Einsatzes kritischer Antibiotika sein, insbesondere jener von der WHO als „Highest Priority Critically Important Antimicrobials“ (CIA HP) klassifizierten Substanzen.“

Dr. Andreas Striezel, Leiter der Fachgruppe Nutztiere der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin e.V., Coautor der Studie und praktizierender Tierarzt fordert:
„Dass eine relevante Nutztierhaltung auch ohne Colistin oder mit weniger als 1 mg/kg geht, zeigen etwa die Niederlande und Dänemark. In der Bio-Haltung setzt man erfolgreich auf präventive Maßnahmen, wie Optimierung von Fütterung und Haltungsbedingungen, systematische Hygienekonzepte und die Verbesserung der Immunsituation bei Jungtieren. Außerdem werden nichtantibiotische Therapien eingesetzt, wie Impfungen oder Phytotherapie. Dadurch kann auf Reserveantibiotika verzichtet werden.

Martin Häusling betont abschließend:
„Eine Einschränkung der Reserveantibiotika muss mit dem Tierschutz konform gehen. Es darf kein vermeidbares Leiden - beispielsweise von Haustieren - durch das Verbot von Reserve-Wirkstoffen für die Gruppenbehandlung entstehen, diese Trennung muss möglich sein. Tiergesundheit hängt vor allem von den Rahmenbedingungen ab, in denen die Tiere leben. Daher muss auf die Bereiche Zucht, Haltung und Fütterung in Regulierungen, Kontrolle und Management deutlich stärker fokussiert werden.“

Die Studie ist sofort abrufbar unter:
https://www.martin-haeusling.eu/images/STUDIE_Reserveantibiotika_bei_Tieren_die_der_Lebensmittelgewinnung_dienen_BENNING_STRIEZEL_sep2021.pdf
Eine englischsprachige Zusammenfassung der Studie gibt es hier:
https://www.martin-haeusling.eu/images/SUMMARY_Study_reserve_antibiotics_in_metaphylaxis_and_group_treatment_dispensable_sep2021.pdf

Weitere Informationen zur aktuell heiß diskutierten Abstimmung im Europaparlament, in der es um die Kriterienfestlegung für die Reserveantibiotika geht, die für die Humanmedizin reserviert bleiben sollen, gibt es hier:
https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

 

02.09.2021

Studie zu Reserveantibiotika bei Tieren, die der Lebensmittelgewinnung dienen

Titel Reserveantibiotikavon Reinhild Benning und Dr. Andreas Striezel, Autorin/Autor

Studie „Recherche zu Reserveantibiotika bei Tieren die der Lebensmittelgewinnung dienen - Reserveantibiotika als Metaphylaxe und Gruppenbehandlung verzichtbar".

In einigen EU-Ländern steigt der Verbrauch an sogenannten Reserveantibiotika in der Tierhaltung weiterhin an. Reserveantibiotika sind Wirkstoffe, die bei der Behandlung von Menschen dann herangezogen werden, wenn alle anderen Antibiotika aufgrund von Resistenzbildung versagen. Ohne wirksame Regulierungen besteht die Gefahr, dass sich Resistenzen auch gegen Reserveantibiotika bei Mensch und Tier weiter ausbreiten. Nach Daten des Europäischen Antibotika­resistenz-Surveillance-Netzwerks (EARS-Net) sterben heute schon 33.000 Menschen in Europa wegen Antibiotikaresistenzen jährlich. Ein Postantibiotisches Zeitalter droht.

Die Studie liefert wissenschaftliche Hintergründe, die die Einschränkung der Anwendung von Reserveantibiotika in der Tierhaltung – vor allem in der Gruppenbehandlung - begründen. Außerdem werden Alternativen aufgezeigt, die den Einsatz von Antibiotika deutlich mindern könnten.

Englische Zusammenfassung/
Summary of the study ‘Research on reserve antibiotics in food-producing animals