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Greenwashing

25.02.2022

Klimawandel und Landwirtschaft: Carbon Farming - Was hat es damit auf sich und wie sinnvoll ist es?

„Carbon Farming – Allheilmittel auf dem Weg zur Klimaneutralität oder Greenwashing?“: Mit dieser Veranstaltung am Mittwoch, 23. Februar 2022 haben Expert*innen eine wertvolle Diskussion über ein wichtiges, aber nicht unumstrittenes Thema in der Klimadebatte angestoßen, findet Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:


Die Podiumsteilnehmer einer ersten Runde waren sich einig: Auf ackerbaulich bewirtschafteten mineralischen Böden machen vor allem vielfältige Fruchtfolgen, Agroforst und Permakultur Sinn, um Humus aufzubauen. Die Stabilität von Kohlenstoff im Boden sei zwar interessant für langfristigen Humusaufbau, sollte aber nicht im Fokus stehen, denn es gehe um lebendige Prozesse und um lebendiges Bodenleben und dieses sei auch auf abbaufähige Substrate im Humus angewiesen. Man dürfe Böden nicht als Kohlenstofflagerstätten benutzen.

In dieser ersten Podiumsrunde mit Franz Rösl, IG Gesunder Boden, Dr. Anita Idel, Veterinärin, Mediatorin und Grünlandexpertin, Prof. Hans Joosten, Landschaftsökologe und Moorforscher und Patrick Worms, Agroforstexperte, World Agroforestry Centre, wurde deutlich, dass reine Kohlenstoffeinlagerung im Boden nicht gleichbedeutend ist mit Humusaufbau.
Grünland sei bisher ein völlig unterschätzter Kohlenstoffspeicher. Es sei das größte Pflanzenbiom auf der Erde und es bewachse die größte Fläche.
In der Tat speicherten Graslandökosysteme weltweit mehr Kohlenstoff als Wald und Grünlandschutz bringe daher in der Bilanz für den Klimaschutz deutlich mehr als Humusaufbau mit ackerbaulichen Maßnahmen. Auch im Vergleich zum Moorschutz sei die Klimarelevanz des Humusaufbaus im Ackerbau nur sehr gering. Wobei es beim Moorschutz mittelfristig vor allem darauf ankomme, gar nicht erst Kohlenstoff entweichen zu lassen, statt ihn neu zu speichern.
Was nicht heißen solle, dass Humusaufbau im Ackerbau nicht sinnvoll und vor allem notwendig sei, aber er trage weit mehr zur Resilienz der Ackerbausysteme und damit zur Klimaanpassung bei als zum Klimaschutz. Es sei wichtig, diese Effekte klar auseinander zu halten, sonst streue man den Landwirten Sand in die Augen.

Besonders der Ansatz Pflanzenkohle im Boden zu verbuddeln sei nicht zielführend, sondern eine überflüssige Hochtechnologie mit weitaus weniger positiven Wirkungen als z.B. durch den Einsatz von Qualitätskompost oder den Humusaufbau über Wurzelexsudate, die hier mit Abstand am effizientesten seien. Zudem müsste, um 1 Prozent des Treibhausgas-Reduktionsziels für Deutschland für das Jahr 2030 mit Pflanzenkohle zu erreichen, die gesamte verfügbare Reststoff-Biomasse Deutschlands zu Pflanzenkohle verarbeitet werden – ein unrealistisches Szenario.
Martin Häusling zieht das Fazit: „Statt uns nur auf die Klimaschutzfunktion mit technischen Lösungen zu konzentrieren, brauchen wir komplexere und klimaresilientere Systeme. Mehr Vielfalt statt Monokulturen; mehr Landschaftsgestaltung statt monotone Ertragsflächen - dafür müssen wir aber unseren nur auf die Flächenproduktivität fokussierten Blickwinkel ändern.“

Auf dem zweiten Podium machte Dr. Ophelia Nick, Parlamentarische Staatssekretärin Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft, klar, es ginge bei echtem Klimaschutz erstmal darum, Emissionen zu reduzieren. Mit konsequentem Humusaufbau könne man vor allem, abgesehen vom klimaschonenden Effekt, die Bodenfruchtbarkeit steigern. Das sei der Schlüssel für eine nachhaltige Landwirtschaft.
Ein Greenwashing beispielsweise durch eine doppelte Anrechnung der Kohlenstoffbindung in der GAP und bei Zertifikaten dürfe es nicht geben.
Ob Zertifikate die dringend notwendige Lösung für die Emissionsvermeidung bringen, müsste ehrlich geprüft werden, so Christian Holzleitner, Referatsleiter DG CLIMA der EU-Kommission. Das Potential sei vorhanden, aber es seien noch einige offene Fragen zu klären, wie zur Effizienz der einzelnen Maßnahmen, zu den Möglichkeiten der Messung und der angemessenen Vergütung. Die Kommission beabsichtige solche Initiativen technisch und juristisch umsetzbar zu gestalten.

Dr. Rolf Sommer, Fachbereichsleiter Landwirtschaft und Landnutzungswandel beim WWF, verwies auf das Positionspapier, das der WWF zusammen mit vielen anderen Umwelt-NGOs, Wissenschaftlern und Initiativen erarbeitet hat und das sich sehr kritisch zum Zertifikate-Handel äußert. Ein Ablasshandel dürfe so nicht entstehen und Humusaufbau bringe für Ökosystemleistungen eben mehr als eine reine C-Speicherung. Es mache keinen Sinn, die Senken an andere Sektoren zu verkaufen. Besonders wies Sommer auf den Faktor Fairness hin: Landwirte, die schon lange in Bodenfruchtbarkeit investiert hätten, würden durch jetzt eingeführte Zertifikate benachteiligt.

Wir müssen jedes Potenzial der landwirtschaftlichen Böden zum Humusaufbau nutzen und bei dieser Aufgabe die Bäuerinnen und Bauern dringend unterstützen, denn sie seien es, die unsere Böden gut bewirtschaften, so Steffen Pingen, Fachbereichsleiter Umwelt und ländlicher Raum beim Deutschen Bauernverband.
CO2 Zertifikate seien interessant, wenn man damit Geld für nachhaltiges Wirtschaften auf die Höfe bringen könne. Für den Bauernverband stehe die Ernährungssicherung ganz im Vordergrund und um diese zu sichern, müsse man ein breites Spektrum an Maßnahmen prüfen und nicht einige per se ausschließen.

„Insgesamt ein spannender Auftakt zu einer Diskussion, die fortgeführt werden soll“, so fasste Martin Häusling als Gastgeber die Veranstaltung zusammen.

 

Zum Weiterlesen und -schauen:

Aufzeichnung der Veranstaltung „Carbon Farming – Allheilmittel auf dem Weg zur Klimaneutralität oder Greenwashing?“ vom 23.02.2022

Positionspapier zu CO2-Zertifikaten und Kohlenstoffspeicherung in Böden von Martin Häusling

Studie „Greenwashing & viel Technik! Vermeintlich nachhaltige Lösungen für die Landwirtschaft“ von Dr. Andrea Beste, Büro für Bodenschutz und Ökologische Agrarkultur, im Auftrag von Martin Häusling

Interview: Klimaschutz mit Carbon Farming - eine gute Idee?

Klimakiller Kuh – warum Muhen auf der Weide nicht das Problem ist, hr mex Video mit Anita Idel

Patrick Worms zu den Potentialen der Agroforstwirtschaft (youtube)

TAZ-Interview mit Prof Joosten zum Moorschutz

Positionspapier der IG Gesunder Boden zu CO2 Zertifikaten.

Positionspapier des WWF und vieler anderer NGOs, Wissenschaftler und Initiativen zu CO2 Zertifikaten.
Carbon Farming Strategie der EU Kommission (Download des Handbook auch auf Deutsch möglich)

PM Deutscher Bauernverband zu Carbon Farming

11.02.2022

STUDY: GREENWASHING & HIGH TECH - Faking it: (un-)sustainable solutions for agriculture

Titel greenwashing ENDownload STUDY: GREENWASHING & HIGH TECH - Faking it: (un-)sustainable solutions for agriculture

The climate crisis and species extinction are the biggest challenges for agriculture at present. Every study and international report correctly says: agriculture is both, perpetrator and victim. The vast majority of international and European scientists agree that the manner in which we farm has to change fundamentally. It is uncontested that intensive animal agriculture and intensive nitrogen fertilisation are harming the climate and that monocultures and high pesticide use contribute significantly to species extinction.
The obvious solution would be to promote agricultural systems which, by definition, rear animals less intensively and use far less synthetic nitrogen and fewer pesticides and thereby are proven to allow for more biodiversity as well as lower nitrogen levelsin water courses – systems such as organic agriculture.

But instead something strange happens: new, supposedly innovative techniques keep cropping up and find their way into political policy papers even though they have nowhere near the same synergetic potential for positive effects on the agroecosystem.

07.12.2021

Studie: "Techno-Fixes statt Systemwandel - können technische Lösungen die Antwort sein?"

Titel greenwashingSeit vielen Jahren ist klar, dass die Landwirtschaft in Europa nachhaltiger werden muss und eines grundlegenden Wandels bedarf. In den letzten Jahren werden vermehrt „innovative“ Techniken oder Produkte als DIE eine große Lösung vorgestellt – Beispiele dafür sind Präzisionslandwirtschaft, Indoorfarming oder Carbon Farming. Oft wird suggeriert, man könne damit nun die Probleme des landwirtschaftlichen Systems lösen, obwohl nur Teilbereiche betroffen sind. Kann Carbon Farming die Landwirtschaft klimafit machen? Ist Indoorfarming nachhaltig? Löst Präzisionslandwirtschaft die Frage der Überdüngung?

Dr. Andrea Beste, Büro für Bodenschutz und Ökologische Agrarkultur, hat in der Studie „Greenwashing & viel Technik! Vermeintlich nachhaltige Lösungen für die Landwirtschaft“ im Auftrag von Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher und Mitglied im Umweltausschuss (Grüne/EFA) im Europäischen Parlament, bei einigen der aktuell prominent diskutierten technischen „Nachhaltigkeitslösungen“ genauer hingeschaut und kritische Fragen zu ihrer Wirksamkeit gestellt.
Reichen die in politischen Papieren und den Medien prominent diskutierten Techno-Fixes um die Landwirtschaft in Einklang mit Ökosystemen, dem Tierwohl und den gesellschaftlichen Bedürfnissen zu bringen?

Download der Studie

Download english version: STUDY GREENWASHING & HIGH TECH - Faking it: (un-)sustainable solutions for agriculture