Grüne Europagruppe Grüne EFA

Ernährungssicherheit

15.06.2022

PM zur Studienvorstellung: „Ukraine-Krieg und globale Lebensmittelversorgung: Auswirkungen und agrarpolitische Handlungsoptionen“

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss und Sarah Wiener, Mitglied im Agrar- und Umweltausschuss stellen heute die von Ihnen in Auftrag gegebene Studie zum Ukraine-Krieg und der globalen Lebensmittelversorgung vor:

Die Studie wurde erstellt von Prof. Dr. Sebastian Lakner, Professor für Agrarökonomie an der Universität Rostock, zusammen mit Dr. Wilhelm Klümper und Kristina Mensah.

Martin Häusling: „Während in der EU aufgrund eines hohen Selbstversorgungsgrades keine Gefährdung der Versorgung vorliegt, sind vor allem importabhängige Länder im Nahen Osten, Afrika und Asien vom Ausfall von Getreide- und Ölsaaten-Lieferungen betroffen. Die Studie beschreibt die Wirkungen fehlender Exporte aus der Ukraine und diskutiert mögliche politische kurz- und mittelfristige Handlungsoptionen der EU und Deutschland. Ein für mich wichtiger Punkt ist dabei die Hinterfragung der Verwendung von Getreide und Ölsaaten für Biokraftstoffe. Schon seit langem steht fest, dass dies noch nicht einmal dem Klima hilft, aktuell aber müssen wir uns definitiv fragen, ob es moralisch verantwortbar ist, lebensmittelfähige Produkte in den Tank zu werfen, während woanders Nahrung fehlt.“

Sarah Wiener: „Die Studie arbeitet wichtige und praktische Handlungsmaßnahmen heraus. Dazu zählt neben Verbesserungen in der Getreidelogistik auch die Offenhaltung der Märkte sowie höhere finanzielle Zuwendungen an Entwicklungshilfeorganisationen. Durch den Ukraine-Krieg wird noch einmal deutlicher, dass die teils politisch gesteuerte Abhängigkeit einiger Länder im Nahen Osten und in Nordafrika eine fatale Krisenanfälligkeit mit sich bringt. Das zu beenden, muss unsere oberste Priorität sein. Vor allem angesichts der 800 Millionen, die jetzt schon an Hunger leiden. Standortangepasste, regionale Sorten und kleinstrukturierte Landwirtschaft schaffen resiliente Systeme. Das gilt auch innerhalb der EU: Jetzt Brachen zu beackern, bringt nur marginale Produktionssteigerungen, aber umso größere Schäden für Biodiversität und Artenvielfalt. Wenn wir zukünftige Krisenszenarien überstehen wollen, müssen wir unsere Nachhaltigkeitsziele einhalten. Nur das bringt uns von der Lebensmitteleffizienz in die Lebensmittelstabilität."

Die Studie wird heute um 16 Uhr vorgestellt und danach online verfügbar sein. Zur Anmeldung gelangen Sie hier.

Weitere Informationen:
Factsheet von Renate Künast und Martin Häusling zum Thema Krieg in der Ukraine und der Versorgungssituation auf den Agrarmärkten: https://www.martin-haeusling.eu/themen/welthandel-und-welternaehrung/2837-factsheet-zum-thema-krieg-in-der-ukraine-und-den-agrarmaerkten.html
Factsheet zum Thema Krieg in der Ukraine und den Agrarmärkten: https://www.martin-haeusling.eu/themen/welthandel-und-welternaehrung/2837-factsheet-zum-thema-krieg-in-der-ukraine-und-den-agrarmaerkten.html

15.06.2022

Studie: Ukraine-Krieg und globale Lebensmittelversorgung: Auswirkungen und agrarpolitische Handlungsoptionen

Politischen Studie im Auftrag von Martin Häusling, MdEP & Sarah Wiener, MdEP

220515 titel studie ukraine laknerDownload als pdf

Der völkerrechtswidrige Angriffskrieg gegen die Ukraine ist für die Menschen in der Ukraine eine humanitäre Katastrophe. Neben zahlreichen menschlichen Opfern wurden auch Industrie, Land-wirtschaft sowie die Infrastruktur in erheblichem Umfang zerstört. Der Krieg wirkt sich auch auf die internationalen Agrarmärkte und die globale Versorgungssicherheit aus. Die Ukraine hat sich in den letzten 30 Jahren zu einem wichtigen Lieferanten für bestimmte Agrar-rohstoffe entwickelt und ist damit von großer Bedeutung für die globale Versorgung. Gepaart mit der ohnehin angespannten Versorgungslage auf-grund der fortschreitenden Klima-krise und der COVID-19-Pandemie, sieht sich die Weltwirtschaft nun Versorgungsengpässen und massiven Preissteigerungen bei Agrarrohstoffen gegenüber.

Aktuell leiden weltweit 873 Millionen Menschen an Hunger. Die Ukraine ist für Länder, die sich in einer akuten Ernährungskrise befinden, ein wichtiger Lieferant von Weizen und Mais. Im Jahr 2020 haben 38 dieser Ländern 34 % dieser Getreide aus der Ukraine bezogen. Prof. Dr. Sebastian Lakner, Professor für Agrarökonomie an der Universität Rostock, hat gemeinsam mit Dr. Wilhelm Klümper und Kristina Mensah in einer Studie im Auftrag von Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher (Grüne/EFA) im Europäischen Parlament und Sarah Wiener, Europaabgeordnete und Schattenberichterstatterin für die Strategie „Vom Hof auf den Tisch“, genauer hingeschaut.

Weitere Informationen:

Abstract der Studie "Ukraine-Krieg und globale Lebensmittelversorgung: Auswirkungen und agrarpolitische Handlungsoptionen"

Pressemitteilung zur Studienvorstellung ab 15.06.22: „Ukraine-Krieg und globale Lebensmittelversorgung: Auswirkungen und agrarpolitische Handlungsoptionen“

 

18.05.2022

Factsheet zum Thema Krieg in der Ukraine & Spekulation auf den Agrarmärkten (2)

Download des Factsheet

220518 screenshot fact sheet2Mit dem Ukraine-Krieg und einer drohenden Knappheit sind die Preise für Getreide, aber auch für Düngemittel in schwindelerregende Höhen gestiegen.
Agrarmärkte sind von jeher Preisschwankungen unterworfen. Deren Auswirkungen sind jedoch weltweit deutlicher denn je zu spüren, seitdem die Agrarliberalisierung multilateral vorangetrieben wird und Lagerbestände abgebaut werden. Die Weltagrarmärkte sind seitdem finanzialisiert“,das heißt: Die Gesetzmäßigkeiten der Finanzmärkte und die Motive der Finanzakteure bestimmen und treiben – gerade auch jetzt - immer mehr die Preise von Nahrungsmitteln wie Weizen, Mais und Soja. Auch die Spekulation mit Erdöl und Düngemitteln treibt die Nahrungsmittelpreise in die Höhe, da die industrielle Landwirtschaft sehr stark von mit fossiler Energie erzeugten Düngemitteln abhängt.

05.05.2022

Ernährungskrisen: Transformation zur Agrarökologie statt exorbitante Gewinne für die Agrarindustrie

Pandemie, Krieg, Klima und Artenschwund: Grüne diskutierten mit Experten über Ernährungskrise

220504 screenshot für youtubeAufzeichnung der Zoom-Veranstaltung auf YouTube: https://youtu.be/WK-usS5Q_RE

Eine Explosion der Zahl hungernder Menschen auf der einen und extrem steigende Gewinne bei den Dünger- und Pestizidherstellern auf der anderen Seite: Die sich, in Folge von Pandemie und Ukrainekrieg, aber auch von Klimawandel und Artenschwund verschärfende Ernährungskrise wird die soziale Ungleichheit auf der Welt verstärken. Darin waren sich die Teilnehmenden einer Diskussionsrunde der Grünen Europaabgeordneten Sarah Wiener und Martin Häusling am Mittwochabend rasch einig. Sie stimmten zudem überein in der Forderung, die fatale Abhängigkeit der konventionellen Landwirtschaft von fossilen Energieträgern so rasch wie möglich zu beenden und die als unabdingbar empfundene agrarökologische Transformation zu beschleunigen.

Europa, monierte Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss, verliere den globalen Blick auf die wachsende Ernährungskrise. „Alle denken nur an ihr eigenes Supermarktregal“, statt auch daran, wie die aufkommende Katastrophe sich auf die Hungernden der Welt auswirkt, die mangels Geldes kaum Zugang zu Nahrungsmitteln haben. „Wo sind die Bilder als Nordafrika?“ fragte Häusling und kritisierte eine fahrlässige, ignorante Binnensicht auf Europa. Häusling fordert die EU-Kommission auf, nicht nur ein Programm zur Unterstützung der europäischen Landwirte, sondern auch ein Programm zur Bekämpfung des Hungers und zur Unterstützung der Landwirtschaft im globalen Süden aufzulegen.

Die Grünen-Abgeordnete Sarah Wiener vermisste zudem, dass auf EU-Ebene praktisch nicht darüber gesprochen werde, wie die seit langem bestehenden Krisen in Form von Biodiversitätsverlusten, Pestizidvergiftung, Klimawandel, Boden- und Nutztierprobleme die jetzige Krise extrem verstärkt haben. Diese älteren Krisen werden nun durch die Folgen des Ukrainekriegs überschattet, müssten aber bei den Lösungen ebenfalls im Zentrum stehen. Denn nur nachhaltige, resiliente agrarökologische Systeme könnten auf Dauer Ernährungssicherheit garantieren.

Die beiden Grünen-Politiker*innen unterstützten Forderungen der Experten Alexander Müller, Professor Peter H. Feindt und Lena Bassermann, das Welternährungsprogramm unverzüglich aufzustocken. Lena Bassermann, Referentin für Welternährung und Globale Landwirtschaft bei der entwicklungspolitischen Nichtregierungsorganisation Inkota, wies darauf hin, dass die Diskussion um die finanzielle Ausstattung dieses Programms alt und fatalerweise nie etwas geschehen sei. Die Expertin plädierte dafür, den Beimischungszwang für Pflanzensprit abzuschaffen, um damit Platz für den Anbau von Lebensmitteln zu gewinnen. Sie warb zugleich für einen Hilfsfonds für Biodünger, statt weiter große Summen als Blanko-Subventionen für chemischen Dünger auszugeben. Subventionen würden letztlich nur die Gewinne der Düngerhersteller weiter aufblähen, wie Bassermann anhand von Zahlen der Produzenten Yara und K+S deutlich machen konnte: Deren Profite wachsen offenbar gerade in der Krise, denn ihre Mehrausgaben für Energie oder Transporte würden durch steigende Einnahmen überkompensiert.

Tatsächlich, belegte Alexander Müller, Ex-Staatssekretär im Bundesland-wirtschaftsministerium sowie früherer stellvertretender Direktor der Weltlandwirtschafts-organisation FAO und heute als Geschäftsführer und Mitgründer des TMG Think Tank for Sustainability aktiv, anhand aktueller Zahlen, dass sich die Krise bereits Monate vor dem Einmarsch Russlands in die Ukraine abzeichnete: Die Düngerpreise stiegen bereits seit dem Herbst vergangenen Jahres, und inzwischen befindet sich der Food-Price-Index auf einem Allzeithoch. Doch im Gegensatz zur letzten Welternährungskrise 2008 reagiere die Welt kaum, auch die FAO halte unverständlicherweise die Füße still. Es sei dringend erforderlich, dass sich die Länder der Erde an einen Tisch setzten, um die Krise zu bewältigen. Da dies offenbar unmöglich sei, appellierte Müller an die G7-Staaten, zusammen mit den besonders betroffenen Ländern einen raschen Weg aus der Ernährungskrise, deren Umfang noch nicht abschätzbar sei, zu suchen. Im Zentrum müsste dort neben der akuten Bewältigung unbedingt ein Punkt stehen: „Wir brauchen einen zehnjährigen Transformationsprozess“, der zu einem agrarökologischen, von fossilen Energien unabhängigen Agrarsystem führe. Komme dies nicht, „wird es bitterböse enden“.

Professor Peter H. Feindt, Leiter des Fachgebiets Agrar- und Ernährungspolitik an der Berliner Humboldt-Universität, warnte ebenfalls davor, dass kurzfristige Maßnahmen zur Produktionssteigerung langfristig problematisch wirkten. Denn eine etwaige Flächenausweitung treffe unter anderem rasch auf weitere, kaum hinnehmbare Biodiversitätsverluste. Schon bisher habe die Agrarpolitik den Fokus zu wenig auf resiliente Agrarsysteme gelegt. So dürfe auch das Farm-to-Fork-Paket der EU jetzt keinesfalls ausgehebelt werden. Statt knappe finanzielle Mittel zugunsten kurzfristiger Effekte auszugeben, gelte es, langfristig wirksame agrarökologische Konzepte zu verfolgen.

Aufzeichnung der Zoom-Veranstaltung auf YouTube: https://youtu.be/WK-usS5Q_RE

Hintergrundinformation:

Factsheet zum Thema Krieg in der Ukraine und den Agrarmärkten: https://www.martin-haeusling.eu/themen/welthandel-und-welternaehrung/2837-factsheet-zum-thema-krieg-in-der-ukraine-und-den-agrarmaerkten.html

04.05.2022

Ernährungsunsicherheit als Folge des Kriegs in der Ukraine? Droht sie wirklich? Was gilt es nun zu tun?

Online-Veranstaltung von MdEP Martin Häusling & MdEP Sarah Wiener am 4. Mai von 16.00 - 18.00 Uhr

Aufzeichnung der Zoom-Veranstaltung auf YouTube:
https://youtu.be/WK-usS5Q_RE

Veranstaltungsbericht:

Pandemie, Krieg, Klima und Artenschwund: Grüne diskutierten mit Experten über Ernährungskrise

Transformation zur Agrarökologie statt exorbitante Gewinne für die Agrarindustrie

220504 screenshot für youtubeEine Explosion der Zahl hungernder Menschen auf der einen und extrem steigende Gewinne bei den Dünger- und Pestizidherstellern auf der anderen Seite: Die sich, in Folge von Pandemie und Ukrainekrieg, aber

23.03.2022

Vorschläge der EU-Kommission zur Ernährungssicherheit: Mehr Lobby-getrieben als von Vernunft getragen!

Zur Mitteilung der EU-Kommission zur Ernährungssicherheit und zur Stabilisierung der Lebensmittelkette im Zusammenhang mit dem Krieg in der Ukraine, kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Zur Freigabe der ökologischen Vorrangflächen für die generelle uneingeschränkte Produktion kann ich nur sagen: Das ist Schaufensterpolitik und hilft mengenmäßig nicht weiter: Würden alle aktuell in der EU brachliegenden Flächen in die Produktion von beispielsweise Getreide einbezogen, läge die Getreideproduktion nur um bis zu 4,4 % höher. Gemessen an der weltweiten Produktion wären das nur bis zu 0,4 %.

Auch dies wäre nur der Fall, wenn die Qualität des Bodens und die naturräumlichen Bedingungen keine Rolle spielten. Da die meisten dieser Flächen jedoch für eine intensive Produktion gar nicht geeignet sind, dürften die Werte noch niedriger liegen. Dafür im Angesicht des Artensterbens die letzten Rückzugsflächen wieder einer intensiven Düngung und chemischen Behandlung auszusetzen, zeugt von enormer Kurzsichtigkeit und einem Unverständnis für das Funktionieren von Ökosystemen.

Außerdem ist die EU bereits zu 112 % Selbstversorger bei Getreide und exportiert mehr als das Doppelte der Getreideeinfuhren.

Andererseits wird wiederum nicht in Erwägung gezogen, was viele Wissenschaftler dringend empfehlen, nämlich EU-weit den Beimischungsanteil von Biokraftstoffen herunter zu setzen, um Flächen für die Produktion von Nahrungsmitteln frei zu bekommen.

Mindestens genauso unfassbar finde ich auch das Vorhaben der Kommission, Hilfsgelder im Rahmen von 500 Millionen Euro u.a. auch in die extrem energiefressende und klimaschädliche Produktion von Mineraldünger zu stecken, während sie gleichzeitig der Meinung ist, eine „Eiweißpflanzenstrategie“ sei nicht nötig, die Mitgliedstaaten hätten genügend Spielraum für eine Förderung. Dabei würde ein verstärkter Leguminosenanbau die Abhängigkeit vom klimaschädlichen Mineraldünger deutlich verringern.

Fazit: Insgesamt ein mehr als schwaches Paket, mehr lobbygetrieben als von Vernunft getragen!“

 

Mitteilung der EU-Kommission „Safeguarding food security and reinforcing the resilience of food systems.”

Factsheet Martin Häusling und Renate Künast zu Ukraine-Krieg & Versorgungssituation

Berechnung BÖLL Stiftung zur Bewirtschaftung ökologische Vorrangflächen

Statement von 300 Wissenschaftler*innen fordert eine Transformation des Ernährungssystems: Weniger Fleisch und Lebensmittelverschwendung, dafür mehr Leguminosen und eine grünere Agrarpolitik.

23.03.2022

Factsheet on war in Ukraine & supply situation

Here you can find a factsheet by Renate Künast and myself on the war in Ukraine, the supply situation on the agricultural markets and the discussion about what to do now.

The war Putin is waging against Ukraine is a humanitarian and international legal disaster. It is existential that and how the European Union acts here together with its allies. The acts of war are costing more and more lives and forcing women and children to flee. In addition, there are serious consequences for the agricultural sector.

We hereby take a stand on the current discussion about an allegedly necessary rollback towards further intensification of agriculture. We consider this to be a serious mistake, as it would mean fuelling the climate and species crisis. The overexploitation and pollution of our natural resources - air, water, soil - and the loss of biodiversity are already leading directly and indirectly to yield losses, with all the known consequences.

However, we must now help acutely and at the same time think about the food security of tomorrow.

Quote Martin Häusling:

"The current attempts to use the war in Ukraine to question the objectives of the Farm-to-Fork and Biodiversity Strategies with the rhetorical catchword of "food security", I consider to be completely short-sighted and not in line with scientific recommendations. The climate and biodiversity crises are not taking a break, even in the current situation. The statement of 300 scientists, among others from the PIK Potsdam Institute for Climate Impact Research, clearly calls for a transformation of the food system: less meat and food waste, more legumes and a greener agricultural policy.

23.03.2022

Krieg in der Ukraine und Diskussion um Green Deal: Rückkehr zur Turboproduktion sägt an dem Ast auf dem wir sitzen!

Zum Ukrainekrieg und der Diskussion über ein Zurückdrehen der Ökologisierungs-Initiativen der EU-Kommission für die „Ernährungssouveränität“, kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Putins Angriffskrieg gegen die Ukraine hat innerhalb und außerhalb der Europäischen Union eine Debatte über Ernährungssicherheit ausgelöst, Forderungen nach Aufschub und Verwässern der „Farm to Fork-” und Biodiversitätsstrategie werden wieder lauter.
Die in den letzten Wochen verlauteten Forderungen nach einer Überprüfung der "Farm to Fork"-Strategie und ggf. Anpassung, gehen sämtlich von Anhängern und Profiteuren des agrarindustriellen Modells oder deren Interessenvertretern aus (IVA, Copa/Cogeca, Grain Club, Futtermittelindustrie, Fleischindustrie). Auch Konservative (EVP) und Liberale (Renew) versuchen, mit der Mehrheit der Sozialisten (S&D) und extremen Rechten im Europaparlament den Rollback mittels einer rückwärtsgewandten Resolution durchzudrücken. Wenn wir dem folgen, werden wir weder die Klima- noch die Biodiversitätsziele auch nur annähernd einhalten.
Es wäre nicht nur ein historischer Fehler, wenn die EU ihre Nachhaltigkeitsvorhaben nun verlangsamen oder sogar ganz begraben würde, es wäre auch ein weiterer Fall sturer Wissenschaftsleugnung, ähnlich wie beim Klimawandel. Unzählige wissenschaftliche Studien, Sachverständigen-Gutachten und Äußerungen europäischer Institutionen, wie beispielsweise des Europäischen Rechnungshofes belegen, dass nachhaltige, langfristige Ernährungssouveränität und -sicherheit nur mit einer Ökologisierung des Agrarmodells möglich ist.
Drei renommierte Agrarforscher vom UFZ - Helmholtz-Zentrum für Umweltforschung, der Universität Rostock und der Universität Wageningen haben einen offenen Brief an die EU-Kommission geschrieben, in dem sie auf den Zusammenhang zwischen dem Ukrainekrieg und der Biodiversitäts- und Klimakrise eingehen und wenige Tage später veröffentlichten weitere 300 Wissenschaftler*innen, u.a. vom Potsdam Institut für Klimafolgenforschung, ein Statement für eine ökologische Transformation des Ernährungssystems. Auch sie forderten eine Verringerung der Fleischproduktion und ein Umsteuern in der Agrokraftstofferzeugung: Weniger Produktion für Tank und Trog, mehr für die Teller.
Nicht zuletzt im Abschlussstatement der Sondersitzung der G7 wurde u.a. vereinbart, ‚in dieser Krise die Klima- und Umweltverpflichtungen und die Ziele der nachhaltigen Entwicklung weiter zu verfolgen‘.“

Hinweis:
Begriff ‚Ernährungssouveränität‘ bedeutet nicht, auf Teufel komm raus zu produzieren. Der Begriff geht auf das als Menschenrecht völkerrechtlich im UN-Sozialpakt verankerte „Recht auf Nahrung“ zurück, das 2004 von allen FAO-Mitgliedern unterzeichnet wurde. Es beinhaltet das Recht auf Nahrung sowie die selbstbestimmte Wahl eines nachhaltigen Ernährungssystems und den Schutz vor ökologischen, wirtschaftlichen oder sozialen Formen des Dumpings.

Factsheet Martin Häusling und Renate Künast zu Ukraine-Krieg & Versorgungssituation

Brief Pe’er et al.: „Ukraine-Crisis impacts on food security: tackling the short-term shock must be done with a vision in mind of the larger-scale and longer-term threats of the Climate- and Biodiversity-Crises.”

Statement von über 300 Wissenschaftler*innen: „Wir brauchen eine Ernährungswende – angesichts des Kriegs in der Ukraine jetzt mehr denn je.“

Abschlussstatement der Sondersitzung der G7.

22.03.2022

Factsheet zum Thema Krieg in der Ukraine und den Agrarmärkten

Hier finden Sie ein Factsheet von Renate Künast und mir zum Thema Krieg in der Ukraine, der Versorgungssituation auf den Agrarmärkten und der Diskussion darum, was nun zu tun ist.

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English version of factsheet

Der Krieg den Putin gegen die Ukraine betreibt, ist eine humanitäre und völkerrechtliche Katastrophe. Es ist existentiell, dass und wie die Europäische Union hier gemeinsam mit den Verbündeten agiert. Die Kriegshandlungen kosten immer mehr Menschenleben und zwingen Frauen und Kinder in die Flucht. Hinzu kommen schwerwiegende Folgen für den Agrarsektor.

Wir nehmen hiermit Stellung zur aktuellen Diskussion über ein angeblich notwendiges Rollback hin zu einer weiteren Intensivierung der Landwirtschaft. Wir halten das für einen schwerwiegenden Fehler, denn das hieße ja, die Klima- und Artenkrise noch zu befeuern. Schon jetzt führt die Übernutzung bzw. Verschmutzung unserer natürlichen Ressourcen Luft, Wasser, Boden sowie der Verlust an Biologischer Vielfalt direkt und indirekt zu Ertragsausfällen und –einbußen, mit allen bekannten Folgen.

16.03.2022

Weizen-Exportstopp: Russland setzt Brotweizen als Waffe ein und ist auf dem Weg, den Weltmarkt zu beherrschen

Mit dem von Russland angekündigten teilweisen Exportstopp für Weizen setzt Putin das Getreide als Waffe ein und bedroht die Ernährungslage vor allem armer Länder des Südens. Russland stellt die Welt vor eine neue, bislang völlig unbekannte Herausforderung. „Beschämend“, so Martin Häusling, Mitglied im Agrar- und Umweltausschuss des Europäischen Parlaments, wirken angesichts der existenzbedrohenden Not von Millionen Menschen Äußerungen aus der deutschen Fleischindustrie vom Montag, man möge sich hierzulande bereits jetzt mit Grillwürstchen für die Sommersaison eindecken.

„Ich stimme UN-Generalsekretär António Guterres voll und ganz zu, wenn er vor den weltweiten Folgen des Kriegs in Osteuropa warnt und sagt: Die Kornkammer des Planeten werde bombardiert, es drohe ein ‚Wirbelsturm des Hungers‘.
Der Exportstopp, der bis in den Sommer dauern soll, ist ein weiteres fatales Signal für die Welternährung. Vor allem für Länder wie Burkina Faso, Ägypten, Eritrea, Somalia, Benin, Kongo, Liberia, Jemen und Algerien, aber auch Saudi-Arabien und die Türkei sowie asiatische Staaten wie Pakistan, die von russischen Lieferungen abhängig sind, wird die Ankündigung der russischen Agrarbehörde katastrophale Folgen haben. Russland wählt seine Absatzmärkte für Weizen nach Gutdünken. Länder mit willfährigen Regierungen bekommen die Brosamen, die anderen gehen völlig leer aus. Grad so wie es Putin passt.
Damit wird offenbar, dass Russland auch einen Krieg um die Handlungshoheit auf den Getreidemärkten führt. Es ist ein Krieg um Ressourcen. Russland wird zusammen mit den aus der Ukraine theoretisch denkbar erzeugbaren Mengen an Weizen, Mais oder Ölsaaten zu einem maßgeblichen Bestimmer am Weltgetreidemarkt. Die Ernährung der Menschen der Welt wird damit in Zukunft völlig unberechenbar, weil von einem Despoten dirigiert.
Der wie auch immer gemanagte Exportstopp wird den Tsunami des Hungers verstärken, wie er sich bereits seit Tagen abzeichnet, da die Ukraine als eines der großen Weizen-Exportländer der Welt ausfällt, Russland aber ein theoretisch großer Player bleibt. Die Schwarzerde-Äcker der Kornkammer Ukraine, die noch nicht bestellt sind, aber können nicht eingesät werden, da es an Menschen und Material fehlt. Zwar besteht die Masse der ukrainischen Lieferungen aus Winterweizen, doch der wird kaum gedüngt oder geerntet werden können. Wir rasen in eine Katastrophe, wenn Russland diese erpresserische Drohung umsetzt, denn der Ausfall von rund sechs Millionen Tonnen Weizen kann nicht ersetzt werden.
Wie - vor dem Hintergrund des Ausfalls der Lieferungen aus der Ukraine und jetzt auch der aus Russland - Äußerungen eines Tönnies-Managers zustande kommen, man möge sich angesichts zu erwartender Preissteigerungen bereits jetzt mit Grillwürstchen für die Sommersaison eindecken, verstehe wer will. Das sind zynische, geschmacklose Bemerkungen, die aus dem Denken einer Luxuswelt stammen. Was sind schon ein paar Bratwürste, wenn es in anderen Teilen der Welt ums nackte Überleben geht?“