Grüne Europagruppe Grüne EFA

Antibiotika

13.10.2021

Von wegen rückläufig: Antibiotikaverbrauch in der Tierhaltung nimmt zu

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat gestern Zahlen veröffentlicht, die die Abgabemengen von Antibiotika in der Tiermedizin für das Jahr 2020 wiedergeben. Die Zahlen belegen, dass es im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 4,6 Prozent gab. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, kommentiert:

„Das ist das Gegenteil von dem, was wir erreichen müssen. Und das Gegenteil dessen, was Vertreter der Veterinärmedizin behaupten. Die Auswertung der Abgabemengen von Pharma-Unternehmen und Großhändlern an Tierärztinnen und Tierärzte in Deutschland zeigt für die meisten Antibiotika eine Zunahme. Pikante Zusatzinformation: die Anzahl der Nutztiere hingegen ist rückläufig.

Besonders bedenklich ist, dass auch die Abgabe von Fluorchinolonen zugenommen hat. Diese Antibiotikagruppe ist in der Humanmedizin sehr wichtig, eine Resistenzentwicklung muss auf jeden Fall vermieden werden, um die Wirksamkeit des Antibiotikums zu erhalten. Das ist schwierig, wenn sie großflächig eingesetzt werden.

In den letzten Monaten haben wir eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung um die zukünftige Regelung der besonders wichtigen Reserveantibiotika geführt. Knackpunkt war, welche Antibiotika zukünftig der Behandlung von Menschen vorbehalten bleiben sollen – und im Umkehrschluss welche für Tiere, insbesondere in der Gruppenbehandlung der Mast, gesperrt bleiben sollen. In Zeiten zunehmender Resistenzentwicklungen ein hoch-wichtiges Thema. Der Widerstand von Seiten des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte war enorm – nicht überraschend, wenn man sieht wie sehr die Tiermast auf die Antibiotika baut.

Ein Weiter-so darf es nicht geben. Statt weiterhin Antibiotika in der Tiermast einzusetzen, müssen unsere Tierhaltungssysteme generalüberholt werden. Klasse statt Masse ist das Stichwort: bessere Haltungsbedingungen, sorgfältige Rassenauswahl, gute Betreuungsschlüssel. Tierhaltung mit weniger Antibiotikaeinsatz ist absolut machbar.

Die bisherige Datenerfassung lässt es nicht zu, die genaue Verwendung der Antibiotika per Tierart oder Einsatzort aufzuschlüsseln. Das wird mit der neuen EU-Tierarzneimittelverordnung in den nächsten Jahren besser werden. Es steht aber stark zu vermuten, dass die Antibiotika vor allem in der Tiermast eingesetzt werden und nicht etwa bei Haustieren. Die vom BVL veröffentlichte Abbildung zu den Antibiotika-Abgabemengen zeigt deutlich einen Hotspot im Westen Deutschlands, besonders in der Region Vechta-Cloppenburg, bekanntlich ein Eldorado der Massentierhaltung.

Die vom BVL veröffentlichten Zahlen sind ein Weckruf: Antibiotika in der Tierhaltung müssen eingeschränkt werden. Insbesondere die für den Menschen lebensrettenden Reserveantibiotika müssen in der Massentierhaltung verboten werden.“

Weitere Informationen mit vielen Links finden sich auf meiner FAQ-Seite: https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

Reserveantibiotika: Antwort auf Kommissarin Kyriakides im EU-Agrarausschuss am 09.09.21

16.09.2021

Reserveantibiotika: Böses Erwachen befürchtet

Die Mehrheit des Europäischen Parlaments votierte bei der Abstimmung über die künftigen Kriterien zur Verwendung von Reserveantibiotika für einen gefährlichen Kompromiss auf Kosten von menschlicher Gesundheit und zugunsten einer unbelehrbaren Agrarlobby, in dem es den ausgleichenden Gegenvorschlag der Grünen ablehnte. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments kommentiert:

„Wenn das mal nicht ins Auge geht. Mit seinem Votum hat das Europäische Parlament der EU-Kommission grünes Licht gegeben für die Erarbeitung der Liste derjenigen Antibiotika, die ab Januar 2022 als Reserveantibiotika allein der Behandlung von Menschen vorbehalten sein werden. Alle Stoffe, die auf dieser Liste landen, sind dann radikal für alle Tiere, egal welcher Spezies und welcher Haltungsform, gesperrt.
Dieser Ansatz kann nicht allen gerecht werden - Tiere oder Menschen, eine Seite wird auf der Strecke bleiben:
Kommen nur wenige Antibiotika zur Liste der Reserveantibiotika, dann droht die weitere Verwendung in Mastbetrieben und damit auch eine weiter fortschreitende Resistenzentwicklung.

Werden hingegen viele Antibiotika als Reserveantibiotika für den Menschen reserviert, so werden viele Tierärzte umdenken und so mancher Haustierhalter möglicherweise den Verlust seines Tieres beklagen müssen.
Der Vorschlag der Grünen sah einen guten Kompromiss zwischen Human- und Veterinärmedizin vor. Er hätte strenge Kriterien für die Bestimmung der Reserveantibiotika angelegt, den Einsatz dieser Reserveantibiotika in der Gruppenbehandlung von Tieren untersagt und gleichzeitig die Behandlung einzelner Tiere, wie Haustiere, ermöglicht.

Dass sich nun eine Mehrheit der EU-Parlamentarier für den Kommissionsvorschlag ausgesprochen hat - trotz der zahlreichen Unterstützerbekundungen von Ärzteschaft und Umweltverbänden für den Gegenvorschlag - führe ich vor allem auf die großangelegte Lobbykampagne des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte (bpt) zurück. In einer beispiellosen Kampagne instrumentalisierte die Organisation Haustierbesitzer für ihre Zwecke, operierte mit falschen Behauptungen, und zwar basierend auf Spekulationen über die künftige Ausgestaltung der Reserveliste.

Es erstaunt nicht, dass sich der bpt Seite an Seite mit der altbekannten Agrarlobby aus Bauernverband, Copa Cogeca und Konservativen ins Zeug gelegt hat. Aber es schmerzt - jetzt einige mit dem Thema vertrauten Menschen, zukünftig aber viele Tiere und Menschen.“

14.09.2021

Antibiotika-Verwendung bei Tieren: Morgen kritische Abstimmung im Europäischen Parlament

Die Emotionen in der Bevölkerung kochen hoch wie selten bei einer Abstimmung im Europäischen Parlament. Angeheizt durch eine großangelegte, jedoch in die Irre führende Lobbykampagne des Bundesverbands praktizierender Tierärzte (bpt) bangen vor allem Besitzer von Haustieren um die zukünftige medizinische Versorgung ihrer Lieblinge. Nun hat der bpt sich kurz vor der Abstimmung am morgigen Mittwoch nochmal öffentlich in die Diskussion eingebracht. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments und der Urheber des vom bpt so heftig kritisierten Vorschlages, kommentiert:

„Die Lobby-Kampagne trägt Früchte, denn die Sorge um ihre tierischen Schützlinge hat in Deutschland allein über 600 000 Menschen dazu gebracht, ihre Unterschrift für ein angeblich besseres gesetzliches Vorhaben zu leisten. Doch die Kampagne arbeitet auf Grundlage irreführender Argumente und leitet die Haustierfreunde aufs falsche Gleis. Der Schaden kann immens sein, und am Ende stehen dann möglicherweise die im Regen, die meinten, für das Gute zu handeln.

Bei der Abstimmung im Europäischen Parlament morgen geht es im Wesentlichen darum, welche Kriterien angelegt werden sollen bei der Sortierung von Antibiotika in ‚simple Antibiotika‘ und ‚Reserveantibiotika‘. Reserveantibiotika sind diejenigen, die als einzige Antibiotika und Arzneimittel überhaupt noch helfen können bei einer bakteriellen Infektion, wenn alle anderen Wirkstoffe nicht mehr wirken aufgrund von Antibiotikaresistenzen, und die für die Anwendung in der Humanmedizin reserviert werden sollen.

Schon jetzt sterben jedes Jahr in der EU 33 000 Menschen, weil bei ihnen kein Antibiotikum mehr anschlägt. Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto wahrscheinlicher und schneller die Resistenzentwicklung. Es ist daher absolut richtig, dass auch die Europäische Kommission strenge Regeln anwenden will beim Einsatz von Antibiotika in Human- und Veterinärmedizin.

Anlass für die Lobbyschlacht war der Vorschlag der Europäischen Kommission über diese Kriterien im Frühsommer. Dem Europäischen Parlament obliegt es bei einem solchen Vorschlag (in Form eines delegierten Rechtsaktes), seine stille Zustimmung zu erteilen oder aber Einspruch einzulegen. Der Kommissionsvorschlag war aber nicht hinnehmbar, da er auf einem Konflikt zwischen den Interessen der Humanmedizin und der Tiermedizin beruht. Alles was für den Menschen reserviert wird, soll kategorisch für Tiere ausgeschlossen werden. Das ist kontraproduktiv für die Humanmedizin, da so ein erheblicher Druck von der Veterinärseite gegen jegliche Listung zu befürchten ist. Andererseits ist es unverhältnismäßig, was die Tiermedizin betrifft, weil damit auch die Behandlung einzelner Tiere mit solchen Antibiotika ausgeschlossen wird.

Wir haben versucht, eine Brücke zu bauen: Anwendung der einschlägigen WHO-Kriterien zur Listung der Reserveantibiotika, im Gegenzug eine Ausnahme für die Einzeltierbehandlung. Daher habe ich einen Einspruch eingelegt. Anders als von bpt-Anhängern kolportiert war daran nichts Geheimes oder Intransparentes.

Der bpt forderte seine Mitglieder auf, den Kommissionsvorschlag zu unterstützen, damit auch zukünftig ihre Haustiere mit Antibiotika versorgt werden könnten. In der Logik des bpt sieht das so aus: Er geht davon aus, dass die Liste der Reserveantibiotika, also der Antibiotika, die nur für die Humanmedizin reserviert bleiben sollen, nur wenige Wirkstoffe enthalten wird. Das ist aber reine Spekulation des bpt.
Die letzten Verlautbarungen der Europäischen Kommission lassen stark vermuten, dass das Gegenteil der Fall sein wird. Die Kommission schreibt so beispielsweise in ihrem Factsheet, dass der Einsatz antimikrobieller Substanzen in der Veterinärmedizin auf das absolut Nötigste beschränkt wird. Weitergedacht bedeutet das - gemäß der aktuellen gesetzlichen Lage -, dass die Antibiotika der Reserveliste absolut und ohne Ausnahmen für Tiere gesperrt sind. Ob nun Haustier oder Nutztier.

Der bpt selbst hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die Basisverordnung, die Tierarzneimittelverordnung, keine Ausnahmen zugesteht. Genau das vom bpt gebetsmühlenartig wiederholte Szenario, wonach ein Tierarzt einem Kind erklären muss, dass er ein vorhandenes Medikament für das Haustier nicht einsetzen darf, könnte dann Wirklichkeit werden.

In meinem Veto habe ich mich explizit dafür ausgesprochen, dass Reserveantibiotika auch für einzelne Tiere eingesetzt werden dürfen. Beim Einzeltier, ob Hund, Katze oder Kuh ist die Wahrscheinlichkeit der Resistenzentwicklung wesentlich geringer, als wenn eine ganze Tiergruppe, wie in der Tiermast, mit Antibiotika versorgt wird. Der bpt täte aus genau diesem Grund gut daran, meine Resolution zu unterstützen.

Ich fordere die Europa-Parlamentarier aber auch deshalb dazu auf, meine Resolution morgen zu unterstützen, weil sie strenge Vorgaben zur Gruppenbehandlung von Tieren macht. Metaphylaktische, also die vorsorgliche Vergabe von Reserveantibiotika an eine ganze Tiergruppe in der Tiermast über Futter oder Tränkesystem, soll damit unmöglich gemacht werden. Auch das ist ein sehr wichtiger Aspekt bei der Eindämmung der Resistenzbildung und ist - anders als vom bpt behauptet - kein ‚an den Pranger stellen‘ von Haltungsbedingungen, sondern ein Hebel um genau diese Haltungsformen im Sinne des Tierwohls zu verbessern.“

Weitere Informationen mit vielen Links finden sich auf meiner FAQ-Seite: https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

08.09.2021

FAQ zu Antibiotika-Einwand

FAQAufgrund des großen Interesses stellen wir hier FAQ-Informationen (update 10.09.21) und ein Statementzur Verfügung und möchte auf den Beitrag der FAZ "Die Grünen wollen Antibiotika für Haustiere verbieten, behaupten Tierärzte - dabei geht es um Menschenleben" vom 03.09.21 verweisen.

 

210901 factsheet KOM Antibiotic

 

! factsheet der EU-Kommission zur Tierarzneimittel-Verordnung und der Regulierung von Antibiotika (sept. 2021)

 

 

Das Wichtigste zurerst: Die medizinische Versorgung von Haus- und Einzeltieren mit Antibiotika ist weder aktuell noch zukünftig gefährdet!

Kurz zum Hintergrund:

Wir wollen den Einsatz von Reserveantibiotika in der Massentierhaltung beschränken z.B. in der Hühner- und Putenmast. 

Derzeit haben wir jährlich 33.000 Tote in der EU wegen Antibiotika-Resistenzen.

Wir haben diesen Widerspruch (Punkt 1.-7. ltz. Seite)gemacht, weil die Kriterien der EU-Kommission für die Eindämmung nicht ausreichend waren.

Das Veto, das der EU-Umweltausschuss gegen den vorgeschlagenen Kriterienkatalog der EU-Kommission eingelegt hat, soll den Einsatz in der Massentierhalten verhindern, nicht die Einzelbehandlung von Tieren!

Die finale Abstimmung dazu wird Mitte September im EU-Parlament sein.
Wird das Veto im Parlament angenommen, muss die Kommission die Kriterien wie gefordert überarbeiten. Anhand dieser Kriterien werden dann die vorhandenen Antibiotika sortiert.

Mehr dazu im FAQ, dass noch weitere vertiefende Links enthält.

 

-> Liste der Verbände und Organisationen, die den Widerspruch unterstützen

-> Juristische Kurzanalyse von RA D. Bruhn vom 08.09.21:
Schwachstellen des im Entwurf vorliegenden delegierten Rechtsaktes sowie der Verordnung (EU) 2019/6 bezüglich eines viel diskutierten Verbots der Einzeltierbehandlung in Notfällen

-> english version: Brief legal analysis by RA D. Bruhn of 08.09.21:
Weaknesses of the draft delegated act and Regulation (EU) 2019/6 with regard to a much-discussed ban on the treatment of individual animals in emergencies

 

-> Titel Reserveantibiotika Studie „Recherche zu Reserveantibiotika bei Tieren die der Lebensmittelgewinnung dienen - Reserveantibiotika als Metaphylaxe und Gruppenbehandlung verzichtbar" (sept. 2021) 

Ausgewählte Artikel zum Thema:

Die Bundesärztekamme fordert in einer Pressemitteilung vom 08.09.21 zur EU-Tierarzneimittelverordnung:
Lebensrettende Reserveantibiotika ausschließlich Menschen vorbehalten Menschen vorbehalten

Schreiben der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin e.V. (GGTM) vom 08.09.21:
Tierärzteverband GGTM fordert Verbot von Reserveantibiotika für Masttiere

Artikel von Otmar Kloiber, WMA Weltärztebund vom 01.09.21 auf LinkedIn:
Are European Doctors heartless when it comes to the health of animals? No! Just the opposite.

02.09.2021

Neue Studie: Reserveantibiotika in der Tiermast sind großenteils ersetzbar

Die heute in einer europäischen Pressekonferenz vorgestellte Studie zeigt auf, dass es zu keinem Therapienotstand im Stall kommt, wenn der Einsatz für den Menschen lebensrettender Reserveantibiotika in der Gruppenbehandlung von Lebensmittel liefernden Tieren verboten wird. Im Kontext der fortschreitenden Resistenzentwicklung bekräftigen die Autorin und der Autor den dringenden politischen Handlungsbedarf in der EU und fordern auf, Alternativen in der Tierhaltung stärker in den Fokus zu nehmen. Martin Häusling, agrarpolitische Sprecher der Grünen/EFA im Europaparlament und Auftraggeber der Studie kommentiert:

„Nach Daten des Europäischen Antibiotika-Resistenz-Surveillance-Netzwerks (EARS-Net) sind antibiotikaresistente Bakterien für etwa 33.000 Todesfälle pro Jahr in der EU verantwortlich. Die Kosten für die Gesundheitssysteme der EU betragen etwa 1,1 Milliarden Euro pro Jahr, sagt die OECD. Es besteht Einigkeit darüber, dass Antibiotikaresistenzen eine zunehmende Gefahr für die öffentliche Gesundheit und das Gesundheitssystem darstellen. Wirksame Antibiotika sind unerlässlich für die moderne Medizin, deshalb appellieren Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Weltärzteverband an alle Staaten, die letzten wirksamen Antibiotika - Reserveantibiotika - zu schützen und nicht mehr an lebensmittelliefernde Tiere abzugeben. Leider beinhaltet der nun vorgeschlagene Umsetzungsakt der Kommission für die Handhabung der Reserveantibiotika keine solch strenge Regelung. Die Kommission ist damit den Empfehlungen der WHO nicht gefolgt, obwohl in der EU-Verordnung zu Tierarzneimitteln 2019/6 der umsichtige Einsatz antimikrobieller Wirkstoffe und die Vermeidung ihrer routinemäßigen „Vorsorge- und Gruppen“ –Anwendung gefordert wird. Zwar ging der hohe Verbrauch von Antibiotika in der Tierhaltung in den letzten Jahren etwas zurück, doch der Einsatz gerade der wichtigen Reserveantibiotika ist gestiegen. Das ist alarmierend!“

Reinhild Benning, Deutsche Umwelthilfe und Co-Autorin der Studie rechnet vor:
„Der Verbrauch des Reserveantibiotikums Colistin bei Lebensmittel liefernden Tieren liegt beispielsweise rechnerisch 17 x höher als bei Menschen. 90% der Verabreichung geschehen dabei als Gruppenbehandlung, was eine gezielte Behandlung kranker Tiere nicht ermöglicht und der Resistenzbildung Vorschub leistet. Wir dürfen die Wirksamkeit der Reserveantibiotika weder für Menschen noch für Tiere aufs Spiel setzen. Darum muss ihr Einsatz für eine Gruppenbehandlung im Bereich der Tiermast verboten werden, während Ausnahmen für Einzeltierbehandlungen erlaubt werden können.“
Auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) folgerte in seinem Zoonosen-Monitoring 2020: „Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Anstrengungen, den Antibiotikaeinsatz durch Verbesserungen der Tiergesundheit zu senken, weiter verstärkt werden müssen, um auf diesem Wege eine Reduktion der Resistenzraten zu erreichen. Ein Schwerpunkt hierbei sollte die Reduktion des Einsatzes kritischer Antibiotika sein, insbesondere jener von der WHO als „Highest Priority Critically Important Antimicrobials“ (CIA HP) klassifizierten Substanzen.“

Dr. Andreas Striezel, Leiter der Fachgruppe Nutztiere der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin e.V., Coautor der Studie und praktizierender Tierarzt fordert:
„Dass eine relevante Nutztierhaltung auch ohne Colistin oder mit weniger als 1 mg/kg geht, zeigen etwa die Niederlande und Dänemark. In der Bio-Haltung setzt man erfolgreich auf präventive Maßnahmen, wie Optimierung von Fütterung und Haltungsbedingungen, systematische Hygienekonzepte und die Verbesserung der Immunsituation bei Jungtieren. Außerdem werden nichtantibiotische Therapien eingesetzt, wie Impfungen oder Phytotherapie. Dadurch kann auf Reserveantibiotika verzichtet werden.

Martin Häusling betont abschließend:
„Eine Einschränkung der Reserveantibiotika muss mit dem Tierschutz konform gehen. Es darf kein vermeidbares Leiden - beispielsweise von Haustieren - durch das Verbot von Reserve-Wirkstoffen für die Gruppenbehandlung entstehen, diese Trennung muss möglich sein. Tiergesundheit hängt vor allem von den Rahmenbedingungen ab, in denen die Tiere leben. Daher muss auf die Bereiche Zucht, Haltung und Fütterung in Regulierungen, Kontrolle und Management deutlich stärker fokussiert werden.“

Die Studie ist sofort abrufbar unter:
https://www.martin-haeusling.eu/images/STUDIE_Reserveantibiotika_bei_Tieren_die_der_Lebensmittelgewinnung_dienen_BENNING_STRIEZEL_sep2021.pdf
Eine englischsprachige Zusammenfassung der Studie gibt es hier:
https://www.martin-haeusling.eu/images/SUMMARY_Study_reserve_antibiotics_in_metaphylaxis_and_group_treatment_dispensable_sep2021.pdf

Weitere Informationen zur aktuell heiß diskutierten Abstimmung im Europaparlament, in der es um die Kriterienfestlegung für die Reserveantibiotika geht, die für die Humanmedizin reserviert bleiben sollen, gibt es hier:
https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

 

02.09.2021

Studie zu Reserveantibiotika bei Tieren, die der Lebensmittelgewinnung dienen

Titel Reserveantibiotikavon Reinhild Benning und Dr. Andreas Striezel, Autorin/Autor

Studie „Recherche zu Reserveantibiotika bei Tieren die der Lebensmittelgewinnung dienen - Reserveantibiotika als Metaphylaxe und Gruppenbehandlung verzichtbar".

In einigen EU-Ländern steigt der Verbrauch an sogenannten Reserveantibiotika in der Tierhaltung weiterhin an. Reserveantibiotika sind Wirkstoffe, die bei der Behandlung von Menschen dann herangezogen werden, wenn alle anderen Antibiotika aufgrund von Resistenzbildung versagen. Ohne wirksame Regulierungen besteht die Gefahr, dass sich Resistenzen auch gegen Reserveantibiotika bei Mensch und Tier weiter ausbreiten. Nach Daten des Europäischen Antibotika­resistenz-Surveillance-Netzwerks (EARS-Net) sterben heute schon 33.000 Menschen in Europa wegen Antibiotikaresistenzen jährlich. Ein Postantibiotisches Zeitalter droht.

Die Studie liefert wissenschaftliche Hintergründe, die die Einschränkung der Anwendung von Reserveantibiotika in der Tierhaltung – vor allem in der Gruppenbehandlung - begründen. Außerdem werden Alternativen aufgezeigt, die den Einsatz von Antibiotika deutlich mindern könnten.

Englische Zusammenfassung/
Summary of the study ‘Research on reserve antibiotics in food-producing animals

11.08.2021

Offener Brief an Bundesverband praktizierender Tierärzte (BpT) - Antibiotika-Kampagne des bpt verunsichert Tierhalter*innen

Mit einem offenen Brief an den Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt) auf die gestern gestartete und an Tierhalter gerichtete Unterschriftenkampagne reagierte Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Da die vom Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt) gestartet Unterschriftenkampagne und eine vom bpt ausdrücklich empfohlene Online-Petition zu einer großen Verunsicherung vor allem bei Haustierhaltern führte, habe ich das bpt-Präsidium in einem Brief aufgefordert, die unsachlichen Behauptungen zu korrigieren. Mit diesem Aufruf instrumentalisiert der bpt die Ängste von Kleintierhaltern und Hobbytierhaltern um weiterhin seine Geschäftspraktiken in der Landwirtschaft nicht ändern zu müssen.
Mit der anstehenden Abstimmung wollen die Ausschussmehrheiten den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast begrenzen, also in Ställen der Massentierhaltung. Es geht nicht um Tiere in Einzelhaltung, wie dies fälscherweise in dem Aufruf des bpt dargestellt wird.
Der Auftrag des Parlamentes an die Europäische Kommission lautet, den seit Jahren auf viel zu hohem Niveau verabreichten Mengen an Reserveantibiotika wirksame Grenzen zu setzen und klare Regelungen zu formulieren, die Einzeltierbehandlung erlaubt und Massenbehandlung stark einschränkt. Daher ergeht die Forderung an die EU-Kommission, den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast zu regulieren. Weder die Einzeltierbehandlung und schon gar nicht sind Haustiere von diesem Beschluss betroffen!“

Mehr Informationen:

FAQs https://www.martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

Pressemitteilung Martin Häusling vom 10.08.21: Mehr Antibiotika helfen nicht bei immer mehr Fehlern in der Tiermast

Pressemitteilung Martin Häusling vom 13.07.21: Unzureichender Vorschlag erstmal gestoppt: Anwendungsbereich von Reserveantibiotika streng reglementieren!

FR-Gastbeitrag Martin Häusling vom 02.08.21

POSITIONSPAPIER: Kriterien für die Festlegung von Reserveantibiotika für die Humanmedizin - Eine Reaktion auf den Vorschlag der Europäischen Kommission

ENVI-Einspruch gegen Kommissionsvorlage, angenommen am 13.07.21

10.08.2021

Mehr Antibiotika helfen nicht bei immer mehr Fehlern in der Tiermast

Die heute vom Bundesverband praktizierender Tierärzte (BpT) gestartete und an Tierhalter gerichtete Unterschriftenkampagne kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Die vom Bundesverband praktizierender Tierärzte (BpT) gestartet Unterschriftenkampagne geht vollständig an dem vorbei, was im Umwelt- und im Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlamentes beschlossen wurde. Tatsächlich wollen die Ausschussmehrheiten den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast begrenzen, also in Ställen der Massentierhaltung. Es geht nicht um Tiere in Einzelhaltung, wie dies fälscherweise in einer Presseerklärung des BpT dargestellt wird.

Jährlich sterben 33.000 Menschen in Europa an fehlender Wirksamkeit von Antibiotika. Um der weiteren Verschärfung dieser medizinischen Entwicklung vorzubeugen, sollen Reserveantibiotika (critical important antibiotics/ letzte Behandlungsreserve) dem Menschen vorbehalten bleiben. Der Auftrag des Parlamentes an die Europäische Kommission lautet daher, den seit Jahren auf viel zu hohem Niveau verabreichten Mengen an Reserveantibiotika wirksame Grenzen zu setzen. Gerade in der Geflügelmast, bei der zehntausende Tiere in einem Stall mit Antibiotika vorsorglich behandelt werden, ist in den letzten Jahren auf hohem Niveau verblieben. Trotz diverser Versuche der Begrenzung werden weiterhin auch Reserveantibiotika über Tränken großzügig an alle Tiere verabreicht, auch wenn nur einzelne erkrankt sind. Diese Entwicklung droht die Wirksamkeit von Reserveantibiotika in den nächsten Jahren gefährlich zu senken. Daher ergeht die Forderung an die EU-Kommission, den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast zu regulieren. Weder die Einzeltierbehandlung und schon gar nicht sind Haustiere von diesem Beschluss betroffen!

Insgesamt sind die Haltungsbedingungen in der Tiermast endlich zu verbessern und die Verschwendung von medizinisch wertvollen Ressourcen zu beenden. Die Probleme der Tiermast können nicht mit hohen Mengen an Antibiotika geheilt werden. Dieses System der Fleischproduktion ist überholt und muss dringend reformiert werden.

Warum der Bundesverband praktizierender Tierärzte die Anwendung in der Tiermast gutheisst, bleibt offen. Allerdings darf dieses Verwirrspiel keinesfalls dazu führen, diese Missstände und den fahrlässigen Umgang mit lebensrettenden Medikamenten in der Massentierhaltung noch zu verlängern.“

 

Mehr Informationen:

FAQs: https://www.martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

Pressemitteilung Martin Häusling vom 13.07.21: Unzureichender Vorschlag erstmal gestoppt: Anwendungsbereich von Reserveantibiotika streng reglementieren!

FR-Gastbeitrag Martin Häusling vom 02.08.21

POSITIONSPAPIER: Kriterien für die Festlegung von Reserveantibiotika für die Humanmedizin - Eine Reaktion auf den Vorschlag der Europäischen Kommission

13.07.2021

Unzureichender Vorschlag erstmal gestoppt: Anwendungsbereich von Reserveantibiotika streng reglementieren!

Der Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments hat heute über die Regelungen zu den lebensrettenden Reserveantibiotika abgestimmt. Diese werden sowohl in der Humanmedizin als auch immer noch bei Tieren eingesetzt. Aufgrund von wachsender Resistenzbildung, verlieren sie so zunehmend ihre Wirkung bei Notfällen im Humanbereich. In der neuen EU-Tierarzneimittel-Verordnung muss ihr Einsatz bei Tieren deshalb streng geregelt werden. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments, der das Veto eingelegt hat, freut sich, dass ihm die Mehrheit gefolgt ist:

„Sehr gut, der Umwelt- und Gesundheitsausschuss hat heute dem Veto der Grünen gegen den Vorschlag zur Regelung der Reserveantibiotika in der Tierhaltung zugestimmt. Der Vorschlag der Europäischen Kommission enthält erhebliche Schlupflöcher, die der Ernsthaftigkeit der Antibiotikaresistenzen nicht gerecht werden.

07.07.2021

Notfallretter Reserveantibiotika versagen:Anwendung im Stall muss streng reglementiert werden!

Antibiotikaresistenzen verursachen jedes Jahr etwa 33 000 Tote in der EU. Die Menschen sterben, weil Antibiotika nicht mehr wirken. Die Tierhaltung trägt zu der sich weiter ausbreitenden Resistenzentwicklung zu einem erheblichen Teil bei, doch die EU-Kommission agiert schwach, wie eine zur Abstimmung stehende Vorlage zeigt. Die Kommission muss klare Regeln vorgeben und das hat sie in ihrem Entwurf zur Verwendung von Reserveantibiotika nicht getan.

Diese Wochen sind entscheidend für die Einschränkung der Verwendung der lebensrettenden Antibiotika in der Tierhaltung, denn am 13.7. findet eine wegweisende Abstimmung im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments dazu statt. Martin Häusling appelliert, dass Reserveantibiotika weitestgehend allein in der Humanmedizin eingesetzt werden:

„Reserveantibiotika müssen in erster Linie den Menschen vorbehalten bleiben. Es ist aberwitzig, wenn immer noch oftmals prophylaktisch solche Arzneien über Tränken in der Geflügelmast verabreicht werden. Manche Tierhalter gleichen damit lediglich unangemessene Haltungsbedingungen aus, eine etwa in der Putenmast verbreitete unsägliche Praxis. Ob bei Hühnern oder Ferkeln: Weitüberwiegend gesunde Tiere werden in der industriellen Tiermast unnötigerweise immer wieder mit Antibiotika behandelt.  Oftmals besteht keine Möglichkeit kranke Tiere zu separieren, stattdessen ist es leider gängige Praxis, alle Tiere überflüssigerweise mit Medizin zu versorgen.

Dies geschieht zumeist über die Tränkeanlagen und öffnet der Verbreitung von Antibiotikaresistenzen Tür und Tor. Das ist fahrlässig und kann für Menschen lebensbedrohend werden. Seit 20 Jahren reden wir über diese Gefahr, und immer noch gibt es bei etlichen Tierhaltern und Tierärzten kein Einsehen. Der Humanmediziner Prof. Frank Ulrich Montgomery hat es heute Morgen in einer Pressekonferenz der Europa-Grünen nochmal bekräftigt: Aufgrund der Resistenzbildung müssen heute Menschen sterben, die man früher noch gut behandeln konnte.

Ohne ein scharfes Umsteuern beim Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung wird sich die Zahl der Toten durch multiresistente Keime drastisch erhöhen.

Die Europäische Kommission hat einen Kriterienkatalog vorgelegt, welche Antibiotika als Reserveantibiotika für die Humanmedizin reserviert werden sollen. Doch dieser Katalog bietet viele Schlupflöcher und muss dringend überarbeitet werden.

Ich habe deshalb Veto eingelegt. Schließt sich die Mehrheit meiner Kolleginnen und Kollegen im Umwelt- und Gesundheitsausschuss am 13.7. bei der Abstimmung an, haben wir die Chance, dass der Kriterienkatalog überarbeitet wird. Die entsprechende Plenarabstimmung erfolgt dann im September.“

 

Weitere Informationen:

Positionspapier Martin Häusling

Brief des Ständigen Ausschusses Europäischer Ärzte

Germanwatch: Forderung aus Humanmedizin, Umwelt- und Tierschutz

Rede Martin Häusling im Umwelt- und Gesundheitsausschuss am 28.6.21

29.06.2021

EU-Tierarzneimittel-Verordnung: Lebensrettende Reserveantibiotika müssen für Menschen reserviert sein! - Einsatz in der Tiermast verbieten!

2022 wird die neue EU-Tierarzneimittel-Verordnung in Kraft treten. Diese regelt auch die Verwendung von Antibiotika in der Tierhaltung. Der aktuelle Vorschlag der Europäischen Kommission sichert allerdings NICHT, dass die lebensrettenden Reserveantibiotika der Humanmedizin vorbehalten bleiben. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, hat daher Einspruch gegen den Kommissionsvorschlag erhoben:

„Antibiotika-Resistenzen sind weltweit auf dem Vormarsch. Allein in der EU sterben jedes Jahr 33.000 Menschen, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. Die Resistenzen entstehen, weil viel zu viele Antibiotika eingesetzt werden. Beim Menschen, aber auch - und insbesondere! -  in der industriellen Tiermast.

Um Menschen auch in Zukunft in Notfällen retten zu können, brauchen wir dringend eine strenge Reglementierung der besonders wichtigen Reserveantibiotika – diese können als einzige noch helfen, wenn andere Antibiotika ihre Wirkung verloren haben. Weltweit werden etwa 66 % aller Antibiotika für landwirtschaftliche Nutztiere in großen Mastanlagen verwendet. Erkrankt ein Tier, werden alle anderen Tiere mit behandelt – mit Antibiotika, die ihnen z.B. über das Tränkesystem verabreicht werden.

Das Reserveantibiotikum Colistin[1] ist mit 80 Tonnen im Jahr eines der meistgenutzten Antibiotika in der Tiermast, Makrolide folgen mit 59 Tonnen pro Jahr[2].

Ohne ein scharfes Umsteuern beim Einsatz von Antibiotika wird sich die Zahl der Toten durch multiresistente Keime drastisch erhöhen. Für Europa wird ein Anstieg auf jährlich 400 000 Tote prognostiziert, weltweit auf zehn Millionen bis 2050. Jedes Jahr. Damit würden dann mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs[3].

Ärzte warnen deshalb vor einem „postantibiotischen Zeitalter“. Auch der Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery fordert ein Verbot von Reserveantibiotika in der Tiermast.

Wir dürfen den Schutz von Menschenleben nicht hinter die ökonomischen Interessen der Tiermäster zurückstellen. Um auch in Zukunft Menschen nach Unfällen und bei Operationen noch vor todbringenden Infektionen retten zu können, ist es von fundamentaler Bedeutung, die Verwendung von Reserveantibiotika in der Tiermast zu verbieten!“

 

Weitere Informationen:

Position Martin Häusling zu Reserveantibiotika

Redebeitrag Martin Häusling im EU-Umweltausschuss 28.06.21

 

[1] Ebner, R., Rosenkranz, E. (2021): Pillen vor die Säue. Warum Antibiotika in der Massentierhaltung unser Gesundheitssystem gefährden.

[1] https://germanwatch.org/de/16760

[1] https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Viel-mehr-Tote-durch-multiresistente-Keime-moeglich-250505.html

 

 

 

 

[1] Ebner, R., Rosenkranz, E. (2021): Pillen vor die Säue. Warum Antibiotika in der Massentierhaltung unser Gesundheitssystem gefährden.

[2] https://germanwatch.org/de/16760

[3] https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Viel-mehr-Tote-durch-multiresistente-Keime-moeglich-250505.html

29.06.2021

Positionspapier zu Reserveantibiotika

Kriterien für die Festlegung von Reserveantibiotika für die Humanmedizin - Eine Reaktion auf den Vorschlag der Europäischen Kommission

Antibiotika-Resistenzen sind weltweit auf dem Vormarsch. Allein in der EU sterben jedes Jahr 33.000 Menschen, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. In Deutschland sind es 2.400 Menschen. Die globalen Folgen für die öffentliche Gesundheit durch multiresistente Keime sind immens, wenn man sich anschaut, welche Rolle Antibiotika heute spielen. Wirken die Antibiotika nicht mehr, könnten bereits einfache Kratzer oder Infektionen bei der Geburt eines Kindes zum Tod führen.

Die Resistenzen entstehen, weil viel zu viele Antibiotika eingesetzt werden. Beim Menschen, aber auch - und insbesondere! - in der industriellen Tiermast. Das Reserveantibiotikum Colistin ist mit 80 Tonnen im Jahr eines der meistgenutzten Antibiotika in der Massentierhaltung, Makrolide folgen mit 59 Tonnen pro Jahr .

Schätzungen zufolge werden weltweit 66% aller Antibiotika für landwirtschaftliche Nutztiere verwendet – und nicht für Menschen.

Weiterlesen im aktualisierten Positionspapier

English Version:
POSITION PAPER: Criteria for the establishment of reserve antibiotics for Human Medicine - A Response to the Proposal of the European Commission

27.10.2020

Studie zu Antibiotika-Resistenzen: Schluss mit der routinemäßigen Verwendung von Antibiotika in der Tierhaltung

Eine heute von Germanwatch veröffentlichte, alarmierende Studie zeigt: Jedes zweite Hähnchen aus Großschlachtereien ist mit Antibiotika-resistenten Erregern belastet. „Das gefährdet unsere Gesundheit“, kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss die beunruhigenden Ergebnisse:

„Antibiotika-Resistenzen sind weltweit auf dem Vormarsch. Allein in der EU sterben jedes Jahr 33.000 Menschen, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. In Deutschland sind es 2400 Menschen, die in diesem Zusammenhang unnötigerweise sterben. Das Problem ist seit Jahren bekannt, die bisherigen Anstrengungen Antibiotika-Resistenzen zu reduzieren, reichen nicht aus.

Vor zwei Jahren haben wir mit der Verabschiedung der EU-Tierarzneimittel-Verordnung eine verbindliche Vorlage geschaffen, die die Verwendung von Antibiotika bei Lebensmittel erzeugenden Tieren streng reglementieren sollte. Ich war der verantwortliche grüne Verhandlungsführer und sah es als großen Erfolg an, dass Reserve-Antibiotika von 2022 eigentlich nur noch für Anwendungen am Menschen benutzt werden dürfen. Denn Reserve-Antibiotika, die auch als Notfall-Antibiotika bezeichnet werden, können im Zweifel die letzte Arznei sein, die bei der Behandlung einer bakteriellen Infektion noch wirkt. Wer sie weiter in der Tiermast einsetzt, handelt extrem fahrlässig, denn er gefährdet damit auch unsere Gesundheit.

Inzwischen wird klar, dass die beabsichtigte klare Begrenzung der Anwendung offenbar von der Europäischen Kommission unterlaufen wird. Die Kommission hält sich offensichtlich bei der Ausarbeitung der Liste, die die Reserve-Antibiotika im Einzelnen genau bezeichnet, nicht an das Verhandlungsergebnis. So verhandelt sie aktuell mit den Mitgliedsstaaten über einen Entwurf, nach dem auch Reserve-Antibiotika Tieren weiter verabreicht werden können, wenn es dem Tierwohl dient. 

Das ist skandalös und hintertreibt unsere Absichten zur künftigen Tierarzneimittel-Verordnung. Dazu darf es nicht kommen.

Letztlich kaschieren die routinemäßige Gabe von Antibiotika an Tiere nur ungeeignete Haltungssysteme. Der Fall zeigt wieder einmal, wie dringend wir einen Systemwechsel in der Zucht und Haltung von Lebensmittel liefernden Tieren brauchen.  Reserve-Antibiotika müssen den Menschen vorbehalten bleiben. Ihre Festlegung sollte nach den strengen WHO-Regeln erfolgen.“

 

Weitere Hintergrundinformationen zu den Regelungen zur Antibiotikaverwendung in der Tierhaltung

Pressemitteilung vom 25.10.2018: Kampfansage an Antibiotikaresistenzen – EU-Parlament hat Trilog-Ergebnisse angenommen

 

25.10.2018

Antibiotika/Tierhaltung - Kampfansage an Antibiotikaresistenzen

Reserveantibiotika sollen künftig den Menschen vorbehalten bleiben. Auch der prophylaktische Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung wird in der Zukunft nur noch in absoluten Ausnahmefällen möglich sein, die Mehrheit des Abgeordneten des Europäischen Parlaments hat die Ergebnisse der Verhandlungen mit dem Rat und der Europäischen Kommission („Trilog“) angenommen. Ziel ist, die Antibiotikaresistenz in der Tierhaltung einzudämmen.
Martin Häusling, Schattenberichterstatter der Grünen/EFA-Fraktion für die neuen EU-Gesetze zu Tierarzneimitteln, kommentiert:

„Antibiotikaresistenzen sind eine der drängendsten globalen Gefahren. Bislang werden doppelt so viele Antibiotika in der Tiermast wie in der Humanmedizin eingesetzt. Es ist ein großer Erfolg, dass Reserveantibiotika künftig den Menschen vorbehalten bleiben sollen. Bessere Haltungsbedingungen und die Separierung kranker Tiere helfen, den Antibiotikaeinsatz runterzufahren. Jetzt geht es darum, dass die neuen Vorschriften auch umgesetzt werden. Umfassendes Datenmaterial zum Verkauf und zur Verwendung von Antibiotika sind ein wichtiges Instrument im Kampf gegen den übermäßigen Antibiotika-Einsatz. Wir Grünen/EFA konnten durchsetzen, dass die neue Verordnung die Datenerhebung zur Verwendung antimikrobieller Arzneimittel auf jedem Bauernhof in der Europäischen Union vorschreibt.“

Hintergrundinformationen im Briefing zur neuen Tierarzneimittel-Verordnung

14.06.2018

EU-Tierarzneimittelverordnung ab Herbst 2018 in Kraft

Am 5.6. haben sich das Europäische Parlament, der Europäische Rat und die Europäische Kommission im Rahmen der sogenannten Trilog-Verhandlungen auf die neue EU-Tierarzneimittelverordnung geeinigt, an denen ich als grüner Verhandlungsführer für das Europäische Parlament beteiligt war. Diese Verordnung wird ab Herbst 2018 in Kraft treten und eine bisherige EU-Richtlinie ersetzen.

06.06.2018

Trilog Tierarzneimittel abgeschlossen: Antibiotika für Tiere strenger geregelt

Gestern Nacht wurden die Trilog-Verhandlungen über die neue EU-Verordnung zu Tierarzneimittel abgeschlossen. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umweltausschuss war der zuständige grüne Verhandlungspartner für die neuen Regelungen. Er kommentiert:

„Antibiotikaresistenzen sind eine der drängendsten globalen Gefahren. Dabei spielt der falsche und häufige Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung eine große Rolle. Mit der neuen Verordnung für Tierarzneimittel haben wir jetzt ein Rechtsmittel an der Hand, die Verwendung von Antibiotika zu beschränken. Es ist ein großer Erfolg, dass Reserveantibiotika künftig den Menschen vorbehalten sein sollen. Auch der prophylaktische Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung wird in der Zukunft nur noch in absoluten Ausnahmefällen möglich sein.
Umfassendes Datenmaterial zum Verkauf und zur Verwendung von Antibiotika sind ein wichtiges Instrument im Kampf gegen den übermäßigen Antibiotika-Einsatz. Nur so können wir gezielt ansetzen. Uns Grünen ist es gelungen, dass die neue Verordnung die Datenerhebung zur Verwendung von antimikrobiellen Arzneimitteln per Bauernhof vorschreibt.
Wenig erfreut bin ich davon, dass sich die Mehrheit der Verhandlungspartner nicht darauf eingelassen hat, die Umweltauswirkungen der Arzneimittel und ihrer Herstellung zu reglementieren. So haben wir die Chance verpasst, Wasserverschmutzung oder die Freisetzung gefährlicher Substanzen einzudämmen“.


Weitere Infos folgen in einem Briefing in den nächsten Tagen.

Hintergrundinfos:

Briefing zum EU-Tierarzneimittelpaket

2. Briefing zum EU-Tierarzneimittelpaket

3. Briefing vom 14.06.2018: EU-Tierarzneimittelverordnung aus grüner Sicht

Studie: https://www.martin-haeusling.eu/images/BroschuereAntibiotika_Neu2015_WEB.pdf

22.02.2018

Ekelfleisch aus Übersee: EU-Kommission muss Konsequenzen aus US-Fleischskandal ziehen

Vor dem Hintergrund von Enthüllungen über katastrophale Zustände in der US-amerikanischen Fleischindustrie verlangt Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Fraktion Die Grünen/EFA im Europaparlament und Mitglied im EU-Umweltausschuss, Konsequenzen für den Import von Fleisch aus den USA in die EU:

„Es sind ekelhafte Zustände in der US-amerikanischen Fleischerzeugung, über die die britische Tageszeitung The Guardian aus bislang unveröffentlichten US-amerikanischen Regierungsdokumenten heute berichtet. Offenbar tragen Schlampereien, sorgloser Umgang mit kranken Tieren, mangelhafte Hygiene und eine Verseuchung mit Fäkalien in der Fleischproduktion dazu bei, dass jeder siebte US-Amerikaner jedes Jahr an einer Lebensmittelinfektion erkrankt. Das ist erheblich mehr als bei uns in Europa und nicht hinnehmbar.
Das kommt dabei heraus, wenn man den Verbraucherschutz nicht ernst nimmt und die Landwirtschaft bis in den letzten Winkel industrialisiert.
Da nicht ausgeschlossen ist, dass derart produziertes Fleisch aus den USA auch nach Europa gelangt, erhebt sich die Frage, welche Konsequenzen die EU nun unternimmt. Besorgniserregend ist vor allem der Umstand, dass diese unhaltbaren Zustände offenbar schon Jahre anhalten und unter Umständen auch den EU-Behörden wenigstens ansatzweise bekannt sein müssten.
Aus meiner Sicht muss die Kommission jetzt ernsthaft über Import-Beschränkungen für Schweine-, Hühner- und Rindfleisch aus den USA nachdenken.
Wenn sich bestätigt, dass die Zustände schon länger bestehen, muss die Kommission in jedem Fall umfassender reagieren, als beim brasilianischen Gammelfleischskandal. Damals verhängte die EU nur für einzelne Betriebe einen Importstopp. Die EU muss die Verbraucher vor Ekelfleisch aus Übersee wirksam schützen!“

10.03.2016

Tierarzneimittel: Weniger Antibiotika und Stärkung von Homöopathie

Straßburg -  Das Europäische Parlament hat an diesem Donnerstag über die neue EU-Verordnung für Tierarzneimittel abgestimmt. Dabei geht es um den Umgang mit Antibiotika in der Tierhaltung. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA-Fraktion kommentiert:
 
"Um Antibiotikaresistenzen effektiv zu begrenzen, müssen alle EU-Mitgliedsländern zusammenarbeiten. Resistente Keime machen nicht an Ländergrenzen halt. Antibiotika-Einsatz muss in der Tierhaltung konkret vorliegenden Krankheitsfällen vorbehalten bleiben und darf keineswegs genutzt werden, falsche Haltungsbedingungen auszugleichen.  Der Grünen/EFA-Fraktion ist es gelungen, dass den Vorbeugemaßnahmen zum Antibiotikaeinsatz ein höherer Stellenwert eingeräumt wird. Die vorsorgliche Antibiotikabehandlung ganzer Herden wird nur noch in wenigen Ausnahmefällen erlaubt. Eine EU-weite Datenerhebung zum Verkauf und zur Verwendung antimikrobieller Tierarzneimittel wie vom Europäischen Parlament gefordert, kann darüber hinaus helfen, den Antibiotikaeinsatz einzudämmen.
 
Hersteller müssen in Zukunft auch prüfen, ob die Herstellung und Verwendung von Arzneimittel negative Auswirkungen auf die Umwelt hat wie zum Beispiel Wasserverschmutzung oder die Freisetzung gefährlicher Substanzen. Die Herstellung muss dann entsprechend angepasst werden. Für die meisten Krankheiten gibt es Alternativen zu Antibiotika. Es ist gut, dass die Mehrheit der Abgeordneten dem grünen Änderungsantrag gefolgt ist und homöopathischen Tierarzneimitteln in der EU-Verordnung keine erschwerten Anwendungsbedingungen auferlegt wurden."


 
Briefing von Martin Häusling zum Thema: http://www.martin-haeusling.eu/images/160217_2.Briefing_zum_Stand_des_EU-Tierarzneimittelpakets_Februar_2016_FINAL.pdf
 
Redebeitrag von Martin Häusling in der gestrigen Aussprache zur Verordnung: http://www.europarl.europa.eu/sides/getVod.do?mode=unit&language=DE&vodId=1457550881174