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Antibiotika

11.05.2022

Liste der Reserveantibiotika: Segen des Umweltausschusses bleibt aus


Heute Morgen fand im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments ein Meinungsaustausch mit der Europäischen Kommission zur zukünftigen Liste derjenigen Antibiotika statt, die den Menschen vorbehalten bleiben sollen. Zentraler Punkt dabei ist, welche Antibiotika in der Humanmedizin eingesetzt werden können und welche bei Tieren, v.a. in der industriellen Tiermast. Im Kontext zunehmender Antibiotikaresistenzen kann dies eine lebensentscheidende Frage sein. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, kommentiert:

„‚Überzeugt sind wir nicht‘, so lassen sich die Rückmeldungen der Mitglieder des Umwelt- und Gesundheitsausschusses auf die Pläne der Europäischen Kommission zusammenfassen. Fraktionsübergreifend betonten die Mitglieder, dass der Vorschlag der Europäischen Arzneimittelagentur EMA von der Europäischen Kommission nicht zur Gesetzesvorlage für die Liste der Reserveantibiotika gemacht werden dürfe.
Die Liste enthält kein einziges derjenigen Antibiotika, die die Weltgesundheitsorganisation WHO als die für Menschen am allerwichtigsten Antibiotika einstuft (‚highest critically important antimicrobials for human use‘), welches nicht jetzt schon für die Verwendung bei Tieren nicht mehr zugelassen ist - alle aktuell erlaubten Antibiotika bleiben also weiterhin für Tiere erlaubt. Die Liste der WHO wird somit nicht umgesetzt.
Sollte die EU-Kommission die Liste ohne Änderungen übernehmen, wird der Gesamtansatz der Tierarzneimittelverordnung unterlaufen, entschieden gegen einen routinemäßigen Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung und damit gegen die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen vorzugehen. Die jetzige Liste schafft sogar einen Anreiz, weitere Präparate in der EU mit diesen Substanzen zuzulassen und damit einen höheren Verbrauch zu erzeugen.
Auch ist die Bewertungsgrundlagen der EMA anzuzweifeln - diese scheint nicht immer dem neusten Kenntnisstand zu folgen. Anders ist es nicht plausibel erklärbar, warum Colistin nicht für den Einsatz bei Tieren verboten wird. Schließlich ist bekannt, dass auf den Einsatz von Colistin sehr wohl verzichtet werden kann, wenn ein Mix aus Impfungen, Hygiene- und Managementmaßnahmen zielgenau eingesetzt wird. Einzelne EU-Länder wie Dänemark sehen inzwischen komplett von der Anwendung von Colistin ab, ebenso die Biolandwirtschaft. Es geht also ohne!
Die Aussage der Europäischen Kommission, dass die vorgelegte Liste vielleicht noch nicht der perfekte Schritt sei, aber ein wichtiger, ist ungenügend. Dass sie dafür vom CDU-Abgeordneten Norbert Lins volle Unterstützung bekommt, spricht Bände. Die Pharmaindustrie hat ganze Arbeit geleistet. Im Ausschuss der Mitgliedsländer haben sich nur drei Mitgliedsländer, darunter Deutschland, für die Aufnahme von Colistin und damit gegen die Übernahme des EMA-Vorschlages eingesetzt. Auch dieser dürfte mehrheitlich von Veterinärmediziner:innen besetzt sein, genauere Angaben zu den Ausschussmitgliedern aus dem Bereich der Humanmedizin blieb die Kommission schuldig.“

Weitere Informationen:
Hintergründe zu Martin Häuslings Einspruch gegen die Kriterien zur Erstellung der Liste der Reserveantibiotika: https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

Studie im Auftrag von Martin Häusling zu Reserveantibiotika bei Tieren, die der Lebensmittelgewinnung dienen: https://martin-haeusling.eu/presse-medien/publikationen/2766-studie-zu-reserveantibiotika-bei-tieren-die-der-lebensmittelgewinnung-dienen.html

Redebeitrag Martin Häusling im Umwelt- und Gesundheitsausschuss am 11.05.22: https://www.youtube.com/watch?v=vfzo17IxA_g

 

01.04.2022

Appell an entscheidenden Ausschuss: Reserveantibiotika streng regulieren!

Das Ringen um die Ausgestaltung der Liste der Reserveantibiotika geht in eine weitere Runde. Es handelt sich dabei um diejenigen Antibiotika, die zukünftig der Behandlung von Menschen vorbehalten bleiben sollen. Der entsprechende Vorschlag der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) stieß im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments auf heftige Kritik. Am 4. April wird der Vorschlag nun im Arbeitsgremium der Europäischen Kommission diskutiert - diesem kommt bei der weiteren Ausgestaltung der Liste eine Schlüsselrolle zu. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments, kommentiert:

„Ich appelliere ausdrücklich an die Mitglieder des Ständigen Ausschusses für Tierarzneimittel, sich kritisch mit dem Vorschlag der EMA auseinanderzusetzen und diesen in seiner jetzigen Form nicht als Blaupause für den Durchführungsrechtsakt anzunehmen.  Der EMA-Vorschlag reserviert nur Antibiotika für die Humanmedizin, die für Tiere in der EU eh nicht verwendet werden dürfen. Das reicht so nicht, die Liste muss unbedingt um weitere Antibiotika erweitert werden. Die WHO hat hierzu ausreichend Vorschläge gemacht.

Wird der EMA-Vorschlag nicht um weitere Antibiotika ergänzt, so bleibt alles beim Alten: Antibiotika werden weiterhin in der Tiermast verpulvert werden, industrielle landwirtschaftliche Systeme weiter mit Antibiotika am Laufen gehalten und die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen schreitet weiter voran. Als ob die 1.27 Million Tote, die weltweit jedes Jahr aufgrund von Resistenzen nicht mehr therapierbar sind, nichtwake up call genug wären.

Obwohl die EMA in ihrem Vorschlag behauptet, die Tiergesundheit zu schützen, geht der Vorschlag eindeutig nicht auf einige Tierschutzbedenken im Zusammenhang mit dem übermäßigen und missbräuchlichen Einsatz von antimikrobiellen Mitteln ein.

Auch für Colistin, eines der meistgenutzten Antibiotika in der Tiermast, legt die EMA kein überzeugendes Argument dafür vor, warum es weiterhin in der Tiermast eingesetzt werden darf. Zwischen 2011 und 2020 hat der Verbrauch von Colistin in europäischen Krankenhäusern um 67 % zugenommen. Colistin wird in der Gesundheitsversorgung in Europa immer wichtiger und sollte besonders sorgsam eingesetzt werden. Ein großflächiger Einsatz in der Schweinemast, als Ausgleich für die zu frühe Entwöhnung der Ferkel von der Muttermilch, ist aber weder artgerecht noch hilft es, Colistin als Lebensretter zu bewahren. Diese falsche Empfehlung der EMA zu Colistin ist Anlass genug, auch die Empfehlungen der EMA zu den anderen Antibiotika zu überprüfen.

Der Ständige Ausschuss für Tierarzneimittel wird am 4. April über den EMA-Vorschlag entscheiden. Da die Mitglieder dieses Ausschusses, der sich aus Vertreter*innen aus den Agrarministerien der Mitgliedsstaaten zusammensetzt, nicht öffentlich bekannt sind, habe ich mich gestern zusammen mit fünf grünen Kolleginnen und Kollegen in einem Brief an sie und die europäische Gesundheitskommissarin Kyriakides gewandt.“

 

 

Weitere Informationen:

Webstream des Umwelt- und Gesundheitsausschusses des Europäischen Parlaments zum Austausch über das EMA-Gutachten

Weitere Infos zu Reserveantibiotika von Martin Häusling

15.03.2022

EMA-Gutachten zu Reserveantibiotika: Klar abgelehnt im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments

Die Europäische Arzneimittelagentur (EMA) hat heute im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments ihren Vorschlag für die Liste der Antibiotika vorgestellt, die zukünftig für die Behandlung von Menschen reserviert bleiben sollen. Die Abgeordneten des Ausschusses lehnten den EMA-Vorschlag parteiübergreifend ab. Auch Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, übte scharfe Kritik an der Liste:

„Die EMA-Liste macht fassungslos: Von der angekündigten Einschränkung der Antibiotika für die Veterinärmedizin ist nichts zu sehen! Alle Antibiotika, die die EMA als Reserveantibiotika listet, sind eh nicht in der EU als Tierarzneimittel zugelassen. Das heißt konkret: Alles bleibt beim Alten, lebensrettende Reserveantibiotika werden weiterhin in der Tiermast verpulvert.

Schon jetzt gibt es weltweit mehr als eine Million Tote pro Jahr, weil Antibiotika aufgrund bestehender Resistenzen nicht mehr wirken.Weltweit werden zwei Drittel aller Antibiotika in der Tierhaltung verabreicht. Fast 90 Prozent davon in der Massentierhaltung, in der EU sind es stolze 50 Prozent: hier müssen wir dringend ansetzen, wenn wir die Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen eindämmen wollen.

Die Aussage der Kommissionsvertreterin, dass die Liste ja aber ein erster Schritt sei und die Liste über die Zeit angepasst werden könne, ist schwach. Die EMA-Liste ist weniger als ein erster Schritt, sie ist ein Verharren im gesundheitsgefährdenden und unzureichenden Ist-Zustand.

Selbst Colistin, eines der meistgenutzten Antibiotika in der Tiermast, ist nicht Teil der EMA-Liste.  Dabei gibt es immer mehr Fälle von Patientinnen und Patienten mit resistenten Keimen, bei denen Colistin das einzige Mittel ist, das noch wirkt. Die Aussage der EMA, dass es Zeit und Geld bedürfe, Colistin zu ersetzen, überzeugt nicht. Wir haben keine Zeit mehr, wenn wir lebensrettende Reserveantibiotika für den Menschen bewahren wollen. Die bisherigen politischen Vorgaben zur Einschränkung von Antibiotika in der Tiermast haben nicht ausreichend gefruchtet und werden es auch mit der EMA-Liste nicht tun.

Die Europäische Kommission kann diesen EMA-Vorschlag nicht übernehmen, wenn sie sich nicht absolut unglaubwürdig machen möchte. Schließlich hat die Kommission selbst noch im September 2021 verkündet und in der heutigen Aussprache wiederholt, dass ‚die Anzahl der antimikrobiellen Mittel, die noch für die Verwendung bei Tieren zur Verfügung stehen sollen, auf das absolute Minimum reduziert werden soll‘, siehe. Sieht sie nicht, dass sie mit der EMA-Liste genau das aber nicht tut und dringend nachbessern muss?

Auch wenn das EU-Parlament formal nicht in die weitere Ausarbeitung der Liste eingezogen werden muss, sollte die Kommission die heutige Aussprache als wichtigen Fingerzeig sehen. Fraktionsübergreifend haben sich alle Abgeordneten gegen den EMA-Vorschlag ausgesprochen. Die Mitgliedsländer rufe ich auf, ihrerseits alles dafür zu tun, dass der EMA-Vorschlag nicht zum Gesetzestext wird.“

Weitere Informationen:

Redebeitrag Martin Häusling am 15.3. im Umwelt- und Gesundheitsausschuss zur EMA-Liste

Webstream des Umwelt- und Gesundheitsausschusses des Europäischen Parlaments zum Austausch über das EMA-Gutachten

Weitere Infos von Martin Häusling zu Reserveantibiotika

10.03.2022

Reserveantibiotika - Langerwarteter Listenvorschlag der EMA gefährdet Gesundheit der Menschen!

Letzte Woche hat die Europäische Kommission die von der Europäischen Arzneimittelagentur (EMA) erarbeitete Liste der Reserveantibiotika veröffentlicht. Alle Antibiotika, die auf der finalen Liste stehen, werden zukünftig für die Behandlung von Menschen reserviert bleiben, für Tiere also tabu sein. Die Liste ist Teil der neuen EU-Tierarzneimittelverordnung und ist in Zeiten zunehmender Antibiotikaresistenzen von elementarer Bedeutung für die Eindämmung von Antibiotikaresistenzen und die Behandlung erkrankter Menschen.

Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments, hat sich für die Bewahrung lebensrettender Antibiotika für die Humanmedizin eingesetzt. Er kommentiert:

„Die von der EMA vorgestellte Liste enttäuscht maßlos. Sie darf so keinesfalls zur gesetzlichen Vorgabe gemacht werden. Ich zähle jetzt auf die Mitgliedsländer, dass sie den EMA-Vorschlag grundlegend überarbeiten. Würde die Liste, so wie von der EMA vorgeschlagen, in Kraft treten, erreichen wir ganz sicher nicht eine Reduktion des Antibiotikaeinsatzes in der Tiermast. Der weiteren Ausbreitung von Antibiotikaresistenzen ist damit Tür und Tor geöffnet.

Der EMA-Vorschlag enthält ausschließlich antimikrobielle Mittel, die derzeit nicht als Arzneimittel in der EU zugelassen sind. Das heißt konkret: alles bleibt beim Alten. In diesem Licht erscheint die neue Tierarzneimittelverordnung als bloße Makulatur. Die Europäische Kommission kann diesen EMA-Vorschlag nicht hinnehmen, wenn sie sich nicht absolut unglaubwürdig machen möchte. Schließlich hat die Kommission selbst noch im September 2021 verkündet, dass ‚die Anzahl der antimikrobiellen Mittel, die noch für die Verwendung bei Tieren zur Verfügung stehen sollen, auf das absolute Minimum reduziert werden soll‘,siehe .

Die EMA-Liste setzt die Vorgaben der Tierarzneimittelverordnung nicht um, nach der Antibiotika in der Veterinärmedizin eingeschränkt werden müssen und Reserveantibiotika nur noch in dringenden Fällen eingesetzt werden dürfen. Im Gegenteil, der EMA-Vorschlag ist sogar kontraproduktiv, denn er ermöglicht es Pharmafirmen für den Bereich Tiermedizin neue Arzneimittel zuzulassen - mit Substanzen, die auch nach Meinung der WHO auf den Index gehören.

Selbst Colistin, eines der meistgenutzten Antibiotika in der Tiermast, ist nicht Teil der EMA-Liste.  Dabei gibt es immer mehr Fälle von Patientinnen und Patienten mit resistenten Keimen, bei denen Colistin das einzige Mittel ist, das noch wirkt.

Am morgigen Freitag wird die EMA ihren Vorschlag in der Arbeitsgruppe des Ständigen Ausschusses für Tierarzneimittel vorstellen, lehnt diese den Vorschlag ab, so muss er überarbeitet werden. Ich appelliere dringend an das Verantwortungsbewusstsein der Mitglieder dieses Ausschusses dem EMA-Vorschlag nicht zuzustimmen! Auch die einzelnen EU-Mitgliedsländer, die in einer späteren Phase der Listenfinalisierung, ihre Zustimmung oder Ablehnung zum Ausdruck bringen müssen, dürfen der Liste in dieser Form nicht zustimmen, wenn sie es ernst meinen mit der Eindämmung von Antibiotikaresistenzen.

Im Europäischen Parlament wird der Listenvorschlag der EMA am kommenden Dienstagvorgestellt. Im Gegensatz zur Position der Mitgliedsländer muss die Position des Europäischen Parlaments bei der Finalisierung der Liste aber nicht in Erwägung gezogen werden.“

Weitergehende Informationen:
PM von Martin Häusling zur neuen Tierarzneimittel-Verordnung: https://martin-haeusling.eu/presse-medien/pressemitteilungen/2813-ab-heute-gelten-sie-neue-regeln-fuer-tierarzneimittel-und-antibiotika.html

FAQ-Seite zum Einspruch gegen die Kriterien für die Erarbeitung der Liste der Reserveantibiotika: https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

18.02.2022

Antibiotika-Resistenzen: Immer noch fehlt die entscheidende Liste der Reserve-Antibiotika

In einem Brief an EU-Gesundheitskommissarin Stella Kyriakides mahnt, Martin Häusling, Mitglied im Agrar- und Umweltausschuss des Europäischen Parlaments, die überfällige Liste der künftig allein im Humanbereich und nicht länger in der Tiermast anwendbaren Reserve-Antibiotika an. Denn die ist ein zentrales Element der seit knapp drei Wochen geltenden neuen EU-Tierarzneimittel-Verordnung:

„Ohne die - aus mir nicht verständlichen Gründen - noch ausstehende Liste der aus dem Stall zu verbannenden Antibiotika bleiben all die seit vielen Jahren geführten Bemühungen, das Problem der Eindämmung von Antibiotika-Resistenzen endlich zu lösen, lückenhaft. Ärzte und Tierhalter aber brauchen endlich Klarheit darüber, welche Reserve-Arzneien künftig im Stall nicht mehr verwendet werden dürfen, da sie im Sinne des menschlichen Gesundheitsschutzes ausschließlich der Humanmedizin dienen sollen.

Die zuständige EU-Kommissarin Stella Kyriakides bleibt in dem Antwortbrief, den wir am 16. Februar erhielten, gerade in dieser Frage leider sehr vage und äußert sich wenig konkret. Ich meine: Diese Liste mit den für Menschen reservierten Arzneien hätte längst vorliegen können und auch müssen, um begleitend zur novellierten Tierarzneimittel-Verordnung auf dem Tisch zu liegen.

In meinem heutigen Brief an EU-Kommissarin Kyriakides bitte ich zudem dringlich darum, die Daten und Studien der Europäischen Arzneimittelbehörde EMA zugänglich zu machen, die der jeweiligen Eingruppierung der in Frage stehenden Medikamente zugrunde gelegt wurden. Wir müssen gerade in diesem Punkt insistieren, um ausschließen zu können, dass nicht doch durch die Hintertür aus unserer Sicht bedenkliche Arzneien für den Gebrauch in der Tiermedizin zugelassen werden.
Ich glaube, dass trotz aller Mahnungen der Humanmedizin das Problem eines falschen, eventuell auch missbräuchlichen Einsatzes von Reserve-Antibiotika bei einigen Verantwortlichen immer noch nicht in seiner Brisanz angekommen ist. Wir Grüne werden nicht lockerlassen, um das Resistenzproblem im Konflikt zwischen Human- und Tiermedizin dauerhaft zu lösen.“

28.01.2022

Ab heute gelten sie: Neue Regeln für Tierarzneimittel und Antibiotika

Vom heutigen Freitag an gilt die neue EU-Tierarzneimittel-Verordnung. Damit bestehen in der EU verbesserte Regeln zur Eindämmung von Antibiotikaresistenzen. Das zentrale Element, die Liste der künftig allein Menschen vorbehaltenen Antibiotika fehlt aber noch. Martin Häusling, Mitglied im Agrar- und Umweltausschuss des Europäischen Parlaments und grüner Schattenberichterstatter für die Verordnung, kommentiert:

„Mehr als eine Million Tote pro Jahr, weil Medikamente aufgrund bestehender Resistenzen nicht mehr wirken! So stand es erst vergangene Woche in den Medien. Das Problem der zunehmenden Antibiotikaresistenzen wird endlich begriffen.
Weltweit werden zwei Drittel aller Antibiotika in der Tierhaltung verabreicht. Fast 90 Prozent davon in der Massentierhaltung. Die Veterinärmedizin hat also einen entscheidenden Anteil daran, wie Antibiotikaresistenzen sich ausbreiten. In der neuen EU-Tierarzneimittel-Verordnung finden sich einige Regelungen, die zu einem überlegteren Umgang mit Antibiotika beitragen werden.
Die neue Verordnung sieht vor, dass umfassendes Datenmaterial zum Verkauf und zur Verwendung von Antibiotika erhoben werden muss. Richtig so, denn die Daten sind eine wichtige Grundlage um gezielt den Einsatz von Antibiotika reduzieren zu können.
Sehr gut ist auch, dass Importe von Tieren oder von Tiererzeugnissen, die mit in der EU für Tiere verbotenen Antibiotika erzeugt wurden, explizit verboten sind.
Die neue Verordnung lässt aber insgesamt zu viel Interpretationsspielraum in Bezug auf die Antibiotikaverwendung bei Tieren. So heißt es in Artikel 107(1), dass Antibiotika ‚nicht routinemäßig eingesetzt oder angewendet werden dürfen um mangelhafte Hygiene, unzulängliche Haltungsbedingungen oder Pflege oder unzureichende Betriebsführung auszugleichen‘. Was aber genau mit einem „routinemäßigen“ Einsatz gemeint ist, bleibt undefiniert und nebulös.
Der prophylaktische Einsatz von Antibiotika in Tiergruppen ist zwar verboten. Bei Einzeltieren oder wenigen Tieren bleibt er aber bei einer drohenden Infektion mit schweren Folgen erlaubt.
Auch die metaphylaktische Behandlung, also die medizinische Versorgung, wenn bereits eine Infektionskrankheit im Bestand vorliegt, bleibt bei hohem Ausbreitungsrisiko und bei fehlenden Alternativen erlaubt. Die leider noch immer gängige Praxis, Antibiotika übers Futter- oder Getränkesystem an alle Tiere zu verabreichen, wie oftmals vor allem in der Geflügelmast praktiziert, wird ebenfalls leider nicht explizit ausgeschlossen.
Die größte Sorge bereitet mir jedoch, dass die Europäische Kommission noch immer nicht ihre Liste mit all denjenigen Antibiotika veröffentlicht hat, die künftig allein der Behandlung von Menschen vorbehalten bleiben. Erst mit der Veröffentlichung dieser Liste lässt sich sagen, welche Antibiotika nicht mehr für Tiere verwendet werden dürfen. Erst dann lässt sich abschätzen, wie wirksam die Entstehung und Ausbreitung antimikrobieller Resistenzen eingeschränkt werden kann.
Um die genaue Ausgestaltung der Kriterien dieser Liste gab es im Sommer 2021 einen heftigen Schlagabtausch. Mit der von der EU-Kommission genutzten und vom Tierärzteverband unterstützten Herangehensweise an die Liste bin ich nicht einverstanden. Die Liste sollte längst vorliegen. Ich habe die EU-Kommission deshalb in einem gesonderten Schreiben zur Eile gemahnt.“

Weitere Informationen:

- Redebeitrag Martin Häusling im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments am 27.1.2022

- Martin Häusling zu Antibiotika in der Tiermast   

18.11.2021

Europäischer Antibiotikatag: Reserveantibiotika raus aus der Tiermast!

Im Sommer 2021 sorgte die Frage, ob und wie Reserveantibiotika in der Tiermedizin eingesetzt werden sollten für heftige Diskussionen und Lobbyschlachten. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, hatte sich dafür stark gemacht, Reserveantibiotika grundsätzlich für die massenhafte Verwendung in der Tiermast zu verbieten. Die politische Mehrheit unterstützte aber einen anderen Ansatz. Martin Häusling kommentiert:

„Antibiotika können Leben retten. Um ihre lebensrettende Wirkung zu erhalten, müssen wir sie sparsam einsetzen. Für die Massenanwendung in der Tiermast sind sie definitiv zu kostbar, v.a. die besonders wichtigen Reserveantibiotika. Allein in der EU sterben jedes Jahr 33.000 Menschen, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. In Deutschland sind es 2.400 Menschen.
Je mehr Antibiotika verabreicht werden, desto schneller breitet sich die antimikrobielle Resistenz aus. Schätzungen gehen davon aus, dass weltweit rund 66 Prozent aller Antibiotika in der Tierhaltung verabreicht werden. Fast 90% dieser Antibiotika werden in der Massentierhaltung eingesetzt, z.B. bei Masthühnern, Puten und Schweinen und nicht in der Einzeltierbehandlung.
Es wäre deshalb dringend erforderlich, den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast zu verbieten. Die neue EU-Tierarzneimittel-Verordnung, die im Januar 2022 in Kraft treten wird, hätte dies entsprechend regeln können, stattdessen setzte sie auf ein Listensystem: alle Antibiotika, die auf dieser Liste landen, sind für alle Tiere komplett verboten. Egal ob Einzeltier oder Gruppenbehandlung, egal ob Haustier oder Nutztier. Der Bundesverband praktizierender Tierärzte unterstützte diesen Ansatz vehement. Knackpunkt ist nun, welche Antibiotika auf dieser Liste landen werden. Die Europäische Kommission hatte angekündigt, dass noch vor Jahresende die entsprechende Liste vorliegen wird.
Abgesehen von den Reserveantibiotika ist es essentiell, auch alle anderen Antibiotika sorgsam und verantwortungsbewusst in der Tierhaltung einzusetzen. Die neue EU-Tierarzneimittel-Verordnung sagt dazu, dass antimikrobiell wirksame Arzneimittel nicht routinemäßig eingesetzt oder angewendet werden dürfen, um mangelhafte Hygiene, unzulängliche Haltungsbedingungen oder Pflege oder unzureichende Betriebsführung auszugleichen. Was routinemäßiger Einsatz ist wird allerdings nicht genauer dargestellt und es steht zu befürchten, dass der Artikel von vielen geflissentlich übersehen werden wird.
Es ist mittlerweile hinlänglich bekannt, dass es sehr wohl möglich ist, den Antibiotikaeinsatz in der Tierhaltung deutlich zu reduzieren: Das Immunsystem der Tiere kann durch artgerechtere Haltungsbedingungen und Fütterung gestärkt werden, auch Zucht und ein besserer Betreuungsschlüssel können einen Unterschied machen. Der Ökolandbau beweist, dass es auch ohne oder mit wesentlich weniger Antibiotika geht. Auch Länder wie Dänemark und die Niederländer zeigen, dass eine drastische Antibiotikareduktion machbar ist. Auch die anderen Länder müssen dringend nachziehen, wir erwarten von der Europäischen Kommission, dass sie für gesetzliche Grundlagen für ein Reserveantibiotikaverbot in der Tiermast sorgt und Sorge dafür trägt, dass andere Antibiotika tatsächlich nicht routinemäßig eingesetzt werden.“


Mehr Infos: https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

 

13.10.2021

Von wegen rückläufig: Antibiotikaverbrauch in der Tierhaltung nimmt zu

Das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) hat gestern Zahlen veröffentlicht, die die Abgabemengen von Antibiotika in der Tiermedizin für das Jahr 2020 wiedergeben. Die Zahlen belegen, dass es im Vergleich zum Vorjahr ein Plus von 4,6 Prozent gab. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, kommentiert:

„Das ist das Gegenteil von dem, was wir erreichen müssen. Und das Gegenteil dessen, was Vertreter der Veterinärmedizin behaupten. Die Auswertung der Abgabemengen von Pharma-Unternehmen und Großhändlern an Tierärztinnen und Tierärzte in Deutschland zeigt für die meisten Antibiotika eine Zunahme. Pikante Zusatzinformation: die Anzahl der Nutztiere hingegen ist rückläufig.

Besonders bedenklich ist, dass auch die Abgabe von Fluorchinolonen zugenommen hat. Diese Antibiotikagruppe ist in der Humanmedizin sehr wichtig, eine Resistenzentwicklung muss auf jeden Fall vermieden werden, um die Wirksamkeit des Antibiotikums zu erhalten. Das ist schwierig, wenn sie großflächig eingesetzt werden.

In den letzten Monaten haben wir eine intensive inhaltliche Auseinandersetzung um die zukünftige Regelung der besonders wichtigen Reserveantibiotika geführt. Knackpunkt war, welche Antibiotika zukünftig der Behandlung von Menschen vorbehalten bleiben sollen – und im Umkehrschluss welche für Tiere, insbesondere in der Gruppenbehandlung der Mast, gesperrt bleiben sollen. In Zeiten zunehmender Resistenzentwicklungen ein hoch-wichtiges Thema. Der Widerstand von Seiten des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte war enorm – nicht überraschend, wenn man sieht wie sehr die Tiermast auf die Antibiotika baut.

Ein Weiter-so darf es nicht geben. Statt weiterhin Antibiotika in der Tiermast einzusetzen, müssen unsere Tierhaltungssysteme generalüberholt werden. Klasse statt Masse ist das Stichwort: bessere Haltungsbedingungen, sorgfältige Rassenauswahl, gute Betreuungsschlüssel. Tierhaltung mit weniger Antibiotikaeinsatz ist absolut machbar.

Die bisherige Datenerfassung lässt es nicht zu, die genaue Verwendung der Antibiotika per Tierart oder Einsatzort aufzuschlüsseln. Das wird mit der neuen EU-Tierarzneimittelverordnung in den nächsten Jahren besser werden. Es steht aber stark zu vermuten, dass die Antibiotika vor allem in der Tiermast eingesetzt werden und nicht etwa bei Haustieren. Die vom BVL veröffentlichte Abbildung zu den Antibiotika-Abgabemengen zeigt deutlich einen Hotspot im Westen Deutschlands, besonders in der Region Vechta-Cloppenburg, bekanntlich ein Eldorado der Massentierhaltung.

Die vom BVL veröffentlichten Zahlen sind ein Weckruf: Antibiotika in der Tierhaltung müssen eingeschränkt werden. Insbesondere die für den Menschen lebensrettenden Reserveantibiotika müssen in der Massentierhaltung verboten werden.“

Weitere Informationen mit vielen Links finden sich auf meiner FAQ-Seite: https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

Reserveantibiotika: Antwort auf Kommissarin Kyriakides im EU-Agrarausschuss am 09.09.21

16.09.2021

Reserveantibiotika: Böses Erwachen befürchtet

Die Mehrheit des Europäischen Parlaments votierte bei der Abstimmung über die künftigen Kriterien zur Verwendung von Reserveantibiotika für einen gefährlichen Kompromiss auf Kosten von menschlicher Gesundheit und zugunsten einer unbelehrbaren Agrarlobby, in dem es den ausgleichenden Gegenvorschlag der Grünen ablehnte. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umweltausschuss des Europäischen Parlaments kommentiert:

„Wenn das mal nicht ins Auge geht. Mit seinem Votum hat das Europäische Parlament der EU-Kommission grünes Licht gegeben für die Erarbeitung der Liste derjenigen Antibiotika, die ab Januar 2022 als Reserveantibiotika allein der Behandlung von Menschen vorbehalten sein werden. Alle Stoffe, die auf dieser Liste landen, sind dann radikal für alle Tiere, egal welcher Spezies und welcher Haltungsform, gesperrt.
Dieser Ansatz kann nicht allen gerecht werden - Tiere oder Menschen, eine Seite wird auf der Strecke bleiben:
Kommen nur wenige Antibiotika zur Liste der Reserveantibiotika, dann droht die weitere Verwendung in Mastbetrieben und damit auch eine weiter fortschreitende Resistenzentwicklung.

Werden hingegen viele Antibiotika als Reserveantibiotika für den Menschen reserviert, so werden viele Tierärzte umdenken und so mancher Haustierhalter möglicherweise den Verlust seines Tieres beklagen müssen.
Der Vorschlag der Grünen sah einen guten Kompromiss zwischen Human- und Veterinärmedizin vor. Er hätte strenge Kriterien für die Bestimmung der Reserveantibiotika angelegt, den Einsatz dieser Reserveantibiotika in der Gruppenbehandlung von Tieren untersagt und gleichzeitig die Behandlung einzelner Tiere, wie Haustiere, ermöglicht.

Dass sich nun eine Mehrheit der EU-Parlamentarier für den Kommissionsvorschlag ausgesprochen hat - trotz der zahlreichen Unterstützerbekundungen von Ärzteschaft und Umweltverbänden für den Gegenvorschlag - führe ich vor allem auf die großangelegte Lobbykampagne des Bundesverbandes praktizierender Tierärzte (bpt) zurück. In einer beispiellosen Kampagne instrumentalisierte die Organisation Haustierbesitzer für ihre Zwecke, operierte mit falschen Behauptungen, und zwar basierend auf Spekulationen über die künftige Ausgestaltung der Reserveliste.

Es erstaunt nicht, dass sich der bpt Seite an Seite mit der altbekannten Agrarlobby aus Bauernverband, Copa Cogeca und Konservativen ins Zeug gelegt hat. Aber es schmerzt - jetzt einige mit dem Thema vertrauten Menschen, zukünftig aber viele Tiere und Menschen.“

14.09.2021

Antibiotika-Verwendung bei Tieren: Morgen kritische Abstimmung im Europäischen Parlament

Die Emotionen in der Bevölkerung kochen hoch wie selten bei einer Abstimmung im Europäischen Parlament. Angeheizt durch eine großangelegte, jedoch in die Irre führende Lobbykampagne des Bundesverbands praktizierender Tierärzte (bpt) bangen vor allem Besitzer von Haustieren um die zukünftige medizinische Versorgung ihrer Lieblinge. Nun hat der bpt sich kurz vor der Abstimmung am morgigen Mittwoch nochmal öffentlich in die Diskussion eingebracht. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments und der Urheber des vom bpt so heftig kritisierten Vorschlages, kommentiert:

„Die Lobby-Kampagne trägt Früchte, denn die Sorge um ihre tierischen Schützlinge hat in Deutschland allein über 600 000 Menschen dazu gebracht, ihre Unterschrift für ein angeblich besseres gesetzliches Vorhaben zu leisten. Doch die Kampagne arbeitet auf Grundlage irreführender Argumente und leitet die Haustierfreunde aufs falsche Gleis. Der Schaden kann immens sein, und am Ende stehen dann möglicherweise die im Regen, die meinten, für das Gute zu handeln.

Bei der Abstimmung im Europäischen Parlament morgen geht es im Wesentlichen darum, welche Kriterien angelegt werden sollen bei der Sortierung von Antibiotika in ‚simple Antibiotika‘ und ‚Reserveantibiotika‘. Reserveantibiotika sind diejenigen, die als einzige Antibiotika und Arzneimittel überhaupt noch helfen können bei einer bakteriellen Infektion, wenn alle anderen Wirkstoffe nicht mehr wirken aufgrund von Antibiotikaresistenzen, und die für die Anwendung in der Humanmedizin reserviert werden sollen.

Schon jetzt sterben jedes Jahr in der EU 33 000 Menschen, weil bei ihnen kein Antibiotikum mehr anschlägt. Je mehr Antibiotika eingesetzt werden, desto wahrscheinlicher und schneller die Resistenzentwicklung. Es ist daher absolut richtig, dass auch die Europäische Kommission strenge Regeln anwenden will beim Einsatz von Antibiotika in Human- und Veterinärmedizin.

Anlass für die Lobbyschlacht war der Vorschlag der Europäischen Kommission über diese Kriterien im Frühsommer. Dem Europäischen Parlament obliegt es bei einem solchen Vorschlag (in Form eines delegierten Rechtsaktes), seine stille Zustimmung zu erteilen oder aber Einspruch einzulegen. Der Kommissionsvorschlag war aber nicht hinnehmbar, da er auf einem Konflikt zwischen den Interessen der Humanmedizin und der Tiermedizin beruht. Alles was für den Menschen reserviert wird, soll kategorisch für Tiere ausgeschlossen werden. Das ist kontraproduktiv für die Humanmedizin, da so ein erheblicher Druck von der Veterinärseite gegen jegliche Listung zu befürchten ist. Andererseits ist es unverhältnismäßig, was die Tiermedizin betrifft, weil damit auch die Behandlung einzelner Tiere mit solchen Antibiotika ausgeschlossen wird.

Wir haben versucht, eine Brücke zu bauen: Anwendung der einschlägigen WHO-Kriterien zur Listung der Reserveantibiotika, im Gegenzug eine Ausnahme für die Einzeltierbehandlung. Daher habe ich einen Einspruch eingelegt. Anders als von bpt-Anhängern kolportiert war daran nichts Geheimes oder Intransparentes.

Der bpt forderte seine Mitglieder auf, den Kommissionsvorschlag zu unterstützen, damit auch zukünftig ihre Haustiere mit Antibiotika versorgt werden könnten. In der Logik des bpt sieht das so aus: Er geht davon aus, dass die Liste der Reserveantibiotika, also der Antibiotika, die nur für die Humanmedizin reserviert bleiben sollen, nur wenige Wirkstoffe enthalten wird. Das ist aber reine Spekulation des bpt.
Die letzten Verlautbarungen der Europäischen Kommission lassen stark vermuten, dass das Gegenteil der Fall sein wird. Die Kommission schreibt so beispielsweise in ihrem Factsheet, dass der Einsatz antimikrobieller Substanzen in der Veterinärmedizin auf das absolut Nötigste beschränkt wird. Weitergedacht bedeutet das - gemäß der aktuellen gesetzlichen Lage -, dass die Antibiotika der Reserveliste absolut und ohne Ausnahmen für Tiere gesperrt sind. Ob nun Haustier oder Nutztier.

Der bpt selbst hat wiederholt darauf hingewiesen, dass die Basisverordnung, die Tierarzneimittelverordnung, keine Ausnahmen zugesteht. Genau das vom bpt gebetsmühlenartig wiederholte Szenario, wonach ein Tierarzt einem Kind erklären muss, dass er ein vorhandenes Medikament für das Haustier nicht einsetzen darf, könnte dann Wirklichkeit werden.

In meinem Veto habe ich mich explizit dafür ausgesprochen, dass Reserveantibiotika auch für einzelne Tiere eingesetzt werden dürfen. Beim Einzeltier, ob Hund, Katze oder Kuh ist die Wahrscheinlichkeit der Resistenzentwicklung wesentlich geringer, als wenn eine ganze Tiergruppe, wie in der Tiermast, mit Antibiotika versorgt wird. Der bpt täte aus genau diesem Grund gut daran, meine Resolution zu unterstützen.

Ich fordere die Europa-Parlamentarier aber auch deshalb dazu auf, meine Resolution morgen zu unterstützen, weil sie strenge Vorgaben zur Gruppenbehandlung von Tieren macht. Metaphylaktische, also die vorsorgliche Vergabe von Reserveantibiotika an eine ganze Tiergruppe in der Tiermast über Futter oder Tränkesystem, soll damit unmöglich gemacht werden. Auch das ist ein sehr wichtiger Aspekt bei der Eindämmung der Resistenzbildung und ist - anders als vom bpt behauptet - kein ‚an den Pranger stellen‘ von Haltungsbedingungen, sondern ein Hebel um genau diese Haltungsformen im Sinne des Tierwohls zu verbessern.“

Weitere Informationen mit vielen Links finden sich auf meiner FAQ-Seite: https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

08.09.2021

FAQ zu Antibiotika-Einwand

FAQAufgrund des großen Interesses stellen wir hier FAQ-Informationen (update 10.09.21) und ein Statementzur Verfügung und möchte auf den Beitrag der FAZ "Die Grünen wollen Antibiotika für Haustiere verbieten, behaupten Tierärzte - dabei geht es um Menschenleben" vom 03.09.21 verweisen.

 

210901 factsheet KOM Antibiotic

 

! factsheet der EU-Kommission zur Tierarzneimittel-Verordnung und der Regulierung von Antibiotika (sept. 2021)

 

 

Das Wichtigste zurerst: Die medizinische Versorgung von Haus- und Einzeltieren mit Antibiotika ist weder aktuell noch zukünftig gefährdet!

Kurz zum Hintergrund:

Wir wollen den Einsatz von Reserveantibiotika in der Massentierhaltung beschränken z.B. in der Hühner- und Putenmast. 

Derzeit haben wir jährlich 33.000 Tote in der EU wegen Antibiotika-Resistenzen.

Wir haben diesen Widerspruch (Punkt 1.-7. ltz. Seite)gemacht, weil die Kriterien der EU-Kommission für die Eindämmung nicht ausreichend waren.

Das Veto, das der EU-Umweltausschuss gegen den vorgeschlagenen Kriterienkatalog der EU-Kommission eingelegt hat, soll den Einsatz in der Massentierhalten verhindern, nicht die Einzelbehandlung von Tieren!

Die finale Abstimmung dazu wird Mitte September im EU-Parlament sein.
Wird das Veto im Parlament angenommen, muss die Kommission die Kriterien wie gefordert überarbeiten. Anhand dieser Kriterien werden dann die vorhandenen Antibiotika sortiert.

Mehr dazu im FAQ, dass noch weitere vertiefende Links enthält.

 

-> Liste der Verbände und Organisationen, die den Widerspruch unterstützen

-> Juristische Kurzanalyse von RA D. Bruhn vom 08.09.21:
Schwachstellen des im Entwurf vorliegenden delegierten Rechtsaktes sowie der Verordnung (EU) 2019/6 bezüglich eines viel diskutierten Verbots der Einzeltierbehandlung in Notfällen

-> english version: Brief legal analysis by RA D. Bruhn of 08.09.21:
Weaknesses of the draft delegated act and Regulation (EU) 2019/6 with regard to a much-discussed ban on the treatment of individual animals in emergencies

 

-> Titel Reserveantibiotika Studie „Recherche zu Reserveantibiotika bei Tieren die der Lebensmittelgewinnung dienen - Reserveantibiotika als Metaphylaxe und Gruppenbehandlung verzichtbar" (sept. 2021) 

Ausgewählte Artikel zum Thema:

Die Bundesärztekamme fordert in einer Pressemitteilung vom 08.09.21 zur EU-Tierarzneimittelverordnung:
Lebensrettende Reserveantibiotika ausschließlich Menschen vorbehalten Menschen vorbehalten

Schreiben der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin e.V. (GGTM) vom 08.09.21:
Tierärzteverband GGTM fordert Verbot von Reserveantibiotika für Masttiere

Artikel von Otmar Kloiber, WMA Weltärztebund vom 01.09.21 auf LinkedIn:
Are European Doctors heartless when it comes to the health of animals? No! Just the opposite.

02.09.2021

Neue Studie: Reserveantibiotika in der Tiermast sind großenteils ersetzbar

Die heute in einer europäischen Pressekonferenz vorgestellte Studie zeigt auf, dass es zu keinem Therapienotstand im Stall kommt, wenn der Einsatz für den Menschen lebensrettender Reserveantibiotika in der Gruppenbehandlung von Lebensmittel liefernden Tieren verboten wird. Im Kontext der fortschreitenden Resistenzentwicklung bekräftigen die Autorin und der Autor den dringenden politischen Handlungsbedarf in der EU und fordern auf, Alternativen in der Tierhaltung stärker in den Fokus zu nehmen. Martin Häusling, agrarpolitische Sprecher der Grünen/EFA im Europaparlament und Auftraggeber der Studie kommentiert:

„Nach Daten des Europäischen Antibiotika-Resistenz-Surveillance-Netzwerks (EARS-Net) sind antibiotikaresistente Bakterien für etwa 33.000 Todesfälle pro Jahr in der EU verantwortlich. Die Kosten für die Gesundheitssysteme der EU betragen etwa 1,1 Milliarden Euro pro Jahr, sagt die OECD. Es besteht Einigkeit darüber, dass Antibiotikaresistenzen eine zunehmende Gefahr für die öffentliche Gesundheit und das Gesundheitssystem darstellen. Wirksame Antibiotika sind unerlässlich für die moderne Medizin, deshalb appellieren Weltgesundheitsorganisation (WHO) und Weltärzteverband an alle Staaten, die letzten wirksamen Antibiotika - Reserveantibiotika - zu schützen und nicht mehr an lebensmittelliefernde Tiere abzugeben. Leider beinhaltet der nun vorgeschlagene Umsetzungsakt der Kommission für die Handhabung der Reserveantibiotika keine solch strenge Regelung. Die Kommission ist damit den Empfehlungen der WHO nicht gefolgt, obwohl in der EU-Verordnung zu Tierarzneimitteln 2019/6 der umsichtige Einsatz antimikrobieller Wirkstoffe und die Vermeidung ihrer routinemäßigen „Vorsorge- und Gruppen“ –Anwendung gefordert wird. Zwar ging der hohe Verbrauch von Antibiotika in der Tierhaltung in den letzten Jahren etwas zurück, doch der Einsatz gerade der wichtigen Reserveantibiotika ist gestiegen. Das ist alarmierend!“

Reinhild Benning, Deutsche Umwelthilfe und Co-Autorin der Studie rechnet vor:
„Der Verbrauch des Reserveantibiotikums Colistin bei Lebensmittel liefernden Tieren liegt beispielsweise rechnerisch 17 x höher als bei Menschen. 90% der Verabreichung geschehen dabei als Gruppenbehandlung, was eine gezielte Behandlung kranker Tiere nicht ermöglicht und der Resistenzbildung Vorschub leistet. Wir dürfen die Wirksamkeit der Reserveantibiotika weder für Menschen noch für Tiere aufs Spiel setzen. Darum muss ihr Einsatz für eine Gruppenbehandlung im Bereich der Tiermast verboten werden, während Ausnahmen für Einzeltierbehandlungen erlaubt werden können.“
Auch das Bundesamt für Verbraucherschutz und Lebensmittelsicherheit (BVL) folgerte in seinem Zoonosen-Monitoring 2020: „Die Ergebnisse verdeutlichen, dass die Anstrengungen, den Antibiotikaeinsatz durch Verbesserungen der Tiergesundheit zu senken, weiter verstärkt werden müssen, um auf diesem Wege eine Reduktion der Resistenzraten zu erreichen. Ein Schwerpunkt hierbei sollte die Reduktion des Einsatzes kritischer Antibiotika sein, insbesondere jener von der WHO als „Highest Priority Critically Important Antimicrobials“ (CIA HP) klassifizierten Substanzen.“

Dr. Andreas Striezel, Leiter der Fachgruppe Nutztiere der Gesellschaft für Ganzheitliche Tiermedizin e.V., Coautor der Studie und praktizierender Tierarzt fordert:
„Dass eine relevante Nutztierhaltung auch ohne Colistin oder mit weniger als 1 mg/kg geht, zeigen etwa die Niederlande und Dänemark. In der Bio-Haltung setzt man erfolgreich auf präventive Maßnahmen, wie Optimierung von Fütterung und Haltungsbedingungen, systematische Hygienekonzepte und die Verbesserung der Immunsituation bei Jungtieren. Außerdem werden nichtantibiotische Therapien eingesetzt, wie Impfungen oder Phytotherapie. Dadurch kann auf Reserveantibiotika verzichtet werden.

Martin Häusling betont abschließend:
„Eine Einschränkung der Reserveantibiotika muss mit dem Tierschutz konform gehen. Es darf kein vermeidbares Leiden - beispielsweise von Haustieren - durch das Verbot von Reserve-Wirkstoffen für die Gruppenbehandlung entstehen, diese Trennung muss möglich sein. Tiergesundheit hängt vor allem von den Rahmenbedingungen ab, in denen die Tiere leben. Daher muss auf die Bereiche Zucht, Haltung und Fütterung in Regulierungen, Kontrolle und Management deutlich stärker fokussiert werden.“

Die Studie ist sofort abrufbar unter:
https://www.martin-haeusling.eu/images/STUDIE_Reserveantibiotika_bei_Tieren_die_der_Lebensmittelgewinnung_dienen_BENNING_STRIEZEL_sep2021.pdf
Eine englischsprachige Zusammenfassung der Studie gibt es hier:
https://www.martin-haeusling.eu/images/SUMMARY_Study_reserve_antibiotics_in_metaphylaxis_and_group_treatment_dispensable_sep2021.pdf

Weitere Informationen zur aktuell heiß diskutierten Abstimmung im Europaparlament, in der es um die Kriterienfestlegung für die Reserveantibiotika geht, die für die Humanmedizin reserviert bleiben sollen, gibt es hier:
https://martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

 

02.09.2021

Studie zu Reserveantibiotika bei Tieren, die der Lebensmittelgewinnung dienen

Titel Reserveantibiotikavon Reinhild Benning und Dr. Andreas Striezel, Autorin/Autor

Studie „Recherche zu Reserveantibiotika bei Tieren die der Lebensmittelgewinnung dienen - Reserveantibiotika als Metaphylaxe und Gruppenbehandlung verzichtbar".

In einigen EU-Ländern steigt der Verbrauch an sogenannten Reserveantibiotika in der Tierhaltung weiterhin an. Reserveantibiotika sind Wirkstoffe, die bei der Behandlung von Menschen dann herangezogen werden, wenn alle anderen Antibiotika aufgrund von Resistenzbildung versagen. Ohne wirksame Regulierungen besteht die Gefahr, dass sich Resistenzen auch gegen Reserveantibiotika bei Mensch und Tier weiter ausbreiten. Nach Daten des Europäischen Antibotika­resistenz-Surveillance-Netzwerks (EARS-Net) sterben heute schon 33.000 Menschen in Europa wegen Antibiotikaresistenzen jährlich. Ein Postantibiotisches Zeitalter droht.

Die Studie liefert wissenschaftliche Hintergründe, die die Einschränkung der Anwendung von Reserveantibiotika in der Tierhaltung – vor allem in der Gruppenbehandlung - begründen. Außerdem werden Alternativen aufgezeigt, die den Einsatz von Antibiotika deutlich mindern könnten.

Englische Zusammenfassung/
Summary of the study ‘Research on reserve antibiotics in food-producing animals

11.08.2021

Offener Brief an Bundesverband praktizierender Tierärzte (BpT) - Antibiotika-Kampagne des bpt verunsichert Tierhalter*innen

Mit einem offenen Brief an den Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt) auf die gestern gestartete und an Tierhalter gerichtete Unterschriftenkampagne reagierte Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Da die vom Bundesverband praktizierender Tierärzte (bpt) gestartet Unterschriftenkampagne und eine vom bpt ausdrücklich empfohlene Online-Petition zu einer großen Verunsicherung vor allem bei Haustierhaltern führte, habe ich das bpt-Präsidium in einem Brief aufgefordert, die unsachlichen Behauptungen zu korrigieren. Mit diesem Aufruf instrumentalisiert der bpt die Ängste von Kleintierhaltern und Hobbytierhaltern um weiterhin seine Geschäftspraktiken in der Landwirtschaft nicht ändern zu müssen.
Mit der anstehenden Abstimmung wollen die Ausschussmehrheiten den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast begrenzen, also in Ställen der Massentierhaltung. Es geht nicht um Tiere in Einzelhaltung, wie dies fälscherweise in dem Aufruf des bpt dargestellt wird.
Der Auftrag des Parlamentes an die Europäische Kommission lautet, den seit Jahren auf viel zu hohem Niveau verabreichten Mengen an Reserveantibiotika wirksame Grenzen zu setzen und klare Regelungen zu formulieren, die Einzeltierbehandlung erlaubt und Massenbehandlung stark einschränkt. Daher ergeht die Forderung an die EU-Kommission, den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast zu regulieren. Weder die Einzeltierbehandlung und schon gar nicht sind Haustiere von diesem Beschluss betroffen!“

Mehr Informationen:

FAQs https://www.martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

Pressemitteilung Martin Häusling vom 10.08.21: Mehr Antibiotika helfen nicht bei immer mehr Fehlern in der Tiermast

Pressemitteilung Martin Häusling vom 13.07.21: Unzureichender Vorschlag erstmal gestoppt: Anwendungsbereich von Reserveantibiotika streng reglementieren!

FR-Gastbeitrag Martin Häusling vom 02.08.21

POSITIONSPAPIER: Kriterien für die Festlegung von Reserveantibiotika für die Humanmedizin - Eine Reaktion auf den Vorschlag der Europäischen Kommission

ENVI-Einspruch gegen Kommissionsvorlage, angenommen am 13.07.21

10.08.2021

Mehr Antibiotika helfen nicht bei immer mehr Fehlern in der Tiermast

Die heute vom Bundesverband praktizierender Tierärzte (BpT) gestartete und an Tierhalter gerichtete Unterschriftenkampagne kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen/EFA im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Die vom Bundesverband praktizierender Tierärzte (BpT) gestartet Unterschriftenkampagne geht vollständig an dem vorbei, was im Umwelt- und im Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlamentes beschlossen wurde. Tatsächlich wollen die Ausschussmehrheiten den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast begrenzen, also in Ställen der Massentierhaltung. Es geht nicht um Tiere in Einzelhaltung, wie dies fälscherweise in einer Presseerklärung des BpT dargestellt wird.

Jährlich sterben 33.000 Menschen in Europa an fehlender Wirksamkeit von Antibiotika. Um der weiteren Verschärfung dieser medizinischen Entwicklung vorzubeugen, sollen Reserveantibiotika (critical important antibiotics/ letzte Behandlungsreserve) dem Menschen vorbehalten bleiben. Der Auftrag des Parlamentes an die Europäische Kommission lautet daher, den seit Jahren auf viel zu hohem Niveau verabreichten Mengen an Reserveantibiotika wirksame Grenzen zu setzen. Gerade in der Geflügelmast, bei der zehntausende Tiere in einem Stall mit Antibiotika vorsorglich behandelt werden, ist in den letzten Jahren auf hohem Niveau verblieben. Trotz diverser Versuche der Begrenzung werden weiterhin auch Reserveantibiotika über Tränken großzügig an alle Tiere verabreicht, auch wenn nur einzelne erkrankt sind. Diese Entwicklung droht die Wirksamkeit von Reserveantibiotika in den nächsten Jahren gefährlich zu senken. Daher ergeht die Forderung an die EU-Kommission, den Einsatz von Reserveantibiotika in der Tiermast zu regulieren. Weder die Einzeltierbehandlung und schon gar nicht sind Haustiere von diesem Beschluss betroffen!

Insgesamt sind die Haltungsbedingungen in der Tiermast endlich zu verbessern und die Verschwendung von medizinisch wertvollen Ressourcen zu beenden. Die Probleme der Tiermast können nicht mit hohen Mengen an Antibiotika geheilt werden. Dieses System der Fleischproduktion ist überholt und muss dringend reformiert werden.

Warum der Bundesverband praktizierender Tierärzte die Anwendung in der Tiermast gutheisst, bleibt offen. Allerdings darf dieses Verwirrspiel keinesfalls dazu führen, diese Missstände und den fahrlässigen Umgang mit lebensrettenden Medikamenten in der Massentierhaltung noch zu verlängern.“

 

Mehr Informationen:

FAQs: https://www.martin-haeusling.eu/themen/tierhaltung-und-tierschutz/2763-faq-zu-antibiotika-einwand.html

Pressemitteilung Martin Häusling vom 13.07.21: Unzureichender Vorschlag erstmal gestoppt: Anwendungsbereich von Reserveantibiotika streng reglementieren!

FR-Gastbeitrag Martin Häusling vom 02.08.21

POSITIONSPAPIER: Kriterien für die Festlegung von Reserveantibiotika für die Humanmedizin - Eine Reaktion auf den Vorschlag der Europäischen Kommission

13.07.2021

Unzureichender Vorschlag erstmal gestoppt: Anwendungsbereich von Reserveantibiotika streng reglementieren!

Der Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments hat heute über die Regelungen zu den lebensrettenden Reserveantibiotika abgestimmt. Diese werden sowohl in der Humanmedizin als auch immer noch bei Tieren eingesetzt. Aufgrund von wachsender Resistenzbildung, verlieren sie so zunehmend ihre Wirkung bei Notfällen im Humanbereich. In der neuen EU-Tierarzneimittel-Verordnung muss ihr Einsatz bei Tieren deshalb streng geregelt werden. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments, der das Veto eingelegt hat, freut sich, dass ihm die Mehrheit gefolgt ist:

„Sehr gut, der Umwelt- und Gesundheitsausschuss hat heute dem Veto der Grünen gegen den Vorschlag zur Regelung der Reserveantibiotika in der Tierhaltung zugestimmt. Der Vorschlag der Europäischen Kommission enthält erhebliche Schlupflöcher, die der Ernsthaftigkeit der Antibiotikaresistenzen nicht gerecht werden.

07.07.2021

Notfallretter Reserveantibiotika versagen:Anwendung im Stall muss streng reglementiert werden!

Antibiotikaresistenzen verursachen jedes Jahr etwa 33 000 Tote in der EU. Die Menschen sterben, weil Antibiotika nicht mehr wirken. Die Tierhaltung trägt zu der sich weiter ausbreitenden Resistenzentwicklung zu einem erheblichen Teil bei, doch die EU-Kommission agiert schwach, wie eine zur Abstimmung stehende Vorlage zeigt. Die Kommission muss klare Regeln vorgeben und das hat sie in ihrem Entwurf zur Verwendung von Reserveantibiotika nicht getan.

Diese Wochen sind entscheidend für die Einschränkung der Verwendung der lebensrettenden Antibiotika in der Tierhaltung, denn am 13.7. findet eine wegweisende Abstimmung im Umwelt- und Gesundheitsausschuss des Europäischen Parlaments dazu statt. Martin Häusling appelliert, dass Reserveantibiotika weitestgehend allein in der Humanmedizin eingesetzt werden:

„Reserveantibiotika müssen in erster Linie den Menschen vorbehalten bleiben. Es ist aberwitzig, wenn immer noch oftmals prophylaktisch solche Arzneien über Tränken in der Geflügelmast verabreicht werden. Manche Tierhalter gleichen damit lediglich unangemessene Haltungsbedingungen aus, eine etwa in der Putenmast verbreitete unsägliche Praxis. Ob bei Hühnern oder Ferkeln: Weitüberwiegend gesunde Tiere werden in der industriellen Tiermast unnötigerweise immer wieder mit Antibiotika behandelt.  Oftmals besteht keine Möglichkeit kranke Tiere zu separieren, stattdessen ist es leider gängige Praxis, alle Tiere überflüssigerweise mit Medizin zu versorgen.

Dies geschieht zumeist über die Tränkeanlagen und öffnet der Verbreitung von Antibiotikaresistenzen Tür und Tor. Das ist fahrlässig und kann für Menschen lebensbedrohend werden. Seit 20 Jahren reden wir über diese Gefahr, und immer noch gibt es bei etlichen Tierhaltern und Tierärzten kein Einsehen. Der Humanmediziner Prof. Frank Ulrich Montgomery hat es heute Morgen in einer Pressekonferenz der Europa-Grünen nochmal bekräftigt: Aufgrund der Resistenzbildung müssen heute Menschen sterben, die man früher noch gut behandeln konnte.

Ohne ein scharfes Umsteuern beim Einsatz von Antibiotika in der Tierhaltung wird sich die Zahl der Toten durch multiresistente Keime drastisch erhöhen.

Die Europäische Kommission hat einen Kriterienkatalog vorgelegt, welche Antibiotika als Reserveantibiotika für die Humanmedizin reserviert werden sollen. Doch dieser Katalog bietet viele Schlupflöcher und muss dringend überarbeitet werden.

Ich habe deshalb Veto eingelegt. Schließt sich die Mehrheit meiner Kolleginnen und Kollegen im Umwelt- und Gesundheitsausschuss am 13.7. bei der Abstimmung an, haben wir die Chance, dass der Kriterienkatalog überarbeitet wird. Die entsprechende Plenarabstimmung erfolgt dann im September.“

 

Weitere Informationen:

Positionspapier Martin Häusling

Brief des Ständigen Ausschusses Europäischer Ärzte

Germanwatch: Forderung aus Humanmedizin, Umwelt- und Tierschutz

Rede Martin Häusling im Umwelt- und Gesundheitsausschuss am 28.6.21

29.06.2021

EU-Tierarzneimittel-Verordnung: Lebensrettende Reserveantibiotika müssen für Menschen reserviert sein! - Einsatz in der Tiermast verbieten!

2022 wird die neue EU-Tierarzneimittel-Verordnung in Kraft treten. Diese regelt auch die Verwendung von Antibiotika in der Tierhaltung. Der aktuelle Vorschlag der Europäischen Kommission sichert allerdings NICHT, dass die lebensrettenden Reserveantibiotika der Humanmedizin vorbehalten bleiben. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, hat daher Einspruch gegen den Kommissionsvorschlag erhoben:

„Antibiotika-Resistenzen sind weltweit auf dem Vormarsch. Allein in der EU sterben jedes Jahr 33.000 Menschen, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. Die Resistenzen entstehen, weil viel zu viele Antibiotika eingesetzt werden. Beim Menschen, aber auch - und insbesondere! -  in der industriellen Tiermast.

Um Menschen auch in Zukunft in Notfällen retten zu können, brauchen wir dringend eine strenge Reglementierung der besonders wichtigen Reserveantibiotika – diese können als einzige noch helfen, wenn andere Antibiotika ihre Wirkung verloren haben. Weltweit werden etwa 66 % aller Antibiotika für landwirtschaftliche Nutztiere in großen Mastanlagen verwendet. Erkrankt ein Tier, werden alle anderen Tiere mit behandelt – mit Antibiotika, die ihnen z.B. über das Tränkesystem verabreicht werden.

Das Reserveantibiotikum Colistin[1] ist mit 80 Tonnen im Jahr eines der meistgenutzten Antibiotika in der Tiermast, Makrolide folgen mit 59 Tonnen pro Jahr[2].

Ohne ein scharfes Umsteuern beim Einsatz von Antibiotika wird sich die Zahl der Toten durch multiresistente Keime drastisch erhöhen. Für Europa wird ein Anstieg auf jährlich 400 000 Tote prognostiziert, weltweit auf zehn Millionen bis 2050. Jedes Jahr. Damit würden dann mehr Menschen an multiresistenten Keimen sterben als an Krebs[3].

Ärzte warnen deshalb vor einem „postantibiotischen Zeitalter“. Auch der Weltärztepräsident Frank Ulrich Montgomery fordert ein Verbot von Reserveantibiotika in der Tiermast.

Wir dürfen den Schutz von Menschenleben nicht hinter die ökonomischen Interessen der Tiermäster zurückstellen. Um auch in Zukunft Menschen nach Unfällen und bei Operationen noch vor todbringenden Infektionen retten zu können, ist es von fundamentaler Bedeutung, die Verwendung von Reserveantibiotika in der Tiermast zu verbieten!“

 

Weitere Informationen:

Position Martin Häusling zu Reserveantibiotika

Redebeitrag Martin Häusling im EU-Umweltausschuss 28.06.21

 

[1] Ebner, R., Rosenkranz, E. (2021): Pillen vor die Säue. Warum Antibiotika in der Massentierhaltung unser Gesundheitssystem gefährden.

[1] https://germanwatch.org/de/16760

[1] https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Viel-mehr-Tote-durch-multiresistente-Keime-moeglich-250505.html

 

 

 

 

[1] Ebner, R., Rosenkranz, E. (2021): Pillen vor die Säue. Warum Antibiotika in der Massentierhaltung unser Gesundheitssystem gefährden.

[2] https://germanwatch.org/de/16760

[3] https://www.aerztezeitung.de/Medizin/Viel-mehr-Tote-durch-multiresistente-Keime-moeglich-250505.html

29.06.2021

Positionspapier zu Reserveantibiotika

Kriterien für die Festlegung von Reserveantibiotika für die Humanmedizin - Eine Reaktion auf den Vorschlag der Europäischen Kommission

Antibiotika-Resistenzen sind weltweit auf dem Vormarsch. Allein in der EU sterben jedes Jahr 33.000 Menschen, weil Antibiotika bei ihnen nicht mehr wirken. In Deutschland sind es 2.400 Menschen. Die globalen Folgen für die öffentliche Gesundheit durch multiresistente Keime sind immens, wenn man sich anschaut, welche Rolle Antibiotika heute spielen. Wirken die Antibiotika nicht mehr, könnten bereits einfache Kratzer oder Infektionen bei der Geburt eines Kindes zum Tod führen.

Die Resistenzen entstehen, weil viel zu viele Antibiotika eingesetzt werden. Beim Menschen, aber auch - und insbesondere! - in der industriellen Tiermast. Das Reserveantibiotikum Colistin ist mit 80 Tonnen im Jahr eines der meistgenutzten Antibiotika in der Massentierhaltung, Makrolide folgen mit 59 Tonnen pro Jahr .

Schätzungen zufolge werden weltweit 66% aller Antibiotika für landwirtschaftliche Nutztiere verwendet – und nicht für Menschen.

Weiterlesen im aktualisierten Positionspapier

English Version:
POSITION PAPER: Criteria for the establishment of reserve antibiotics for Human Medicine - A Response to the Proposal of the European Commission