Grüne Europagruppe Grüne EFA

Agrarmärkte

23.06.2022

Krieg in der Ukraine - Unterstützung in Krisenzeiten für Landwirte ja, aber nicht so!

Zusätzliche Finanzhilfen an Landwirte zu pauschal und aus dem falschen Topf!

Die Grünen stimmen heute im Europaparlament gegen eine weitere Krisenhilfe. Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umwelt- und Gesundheitsausschuss, erklärt:

„Ich bin absolut dafür, dass man den Landwirten aktuell finanziell unter die Arme greift. Doch sie brauchen längerfristige, nachhaltige Lösungen, um ihre Abhängigkeit von externen Inputs zu reduzieren, insbesondere was Düngemittel und Futtermittel angeht. Die Preise steigen ja nicht erst seit dem Krieg in der Ukraine, sondern schon vorher. Andererseits gibt es auch Landwirte – besonders intensiv-arbeitende Ackerbaubetriebe -, die trotz hoher Düngemittelpreise gerade gute Gewinne erzielen.
Was die Kommission jetzt anbietet, ist nur eine einfache Kompensation, die lediglich dazu dient, hohe fossile Kosten zu decken. Die Kommission greift nun, wie bei der Covid-Krisenhilfe, wieder zur 2. Säule. Der Gesamtbetrag soll auf eine Obergrenze von 5 % der ELER-Ausgaben 2021-2022 begrenzt sein. Auch wenn es also nur um ungenutzte Restgelder geht, sollte das nicht zur Regel werden, denn gerade diese Mittel der 2. Säule haben sich im Hinblick auf Nachhaltigkeit deutlich zielgerichteter erwiesen als die Direktzahlungen, sie sollten nicht bei jeder Krise umgewidmet werden.
Während die Absicht der Kommission, die Mittel auf vier Schlüsselbereiche zu konzentrieren – Kreislaufwirtschaft, Nährstoffmanagement, effiziente Ressourcennutzung und umweltfreundliche Methoden – zu begrüßen ist, sind die genauen Kriterien so unklar, dass die Mitgliedstaaten im Prinzip Zuschüsse nach dem Gießkannenprinzip gewähren können. So werden vor allem Betriebe mit hoher Inputabhängigkeit und Ausrichtung auf den Weltmarkt gefördert, die sich in Krisenzeiten eben nicht als resilient erweisen. Das ist weder akut sinnvoll noch mit Blick auf die Zukunft und widerspricht den Zielen des Green Deal.“

Wie könne Landwirte unabhängiger von mineralischen Düngemitteln werden? Factsheet 1 zum Ukrainekrieg

Preissteigerungen auch aufgrund von Spekulation: Factsheet 2 zum Ukrainekrieg

Studie „Ukraine-Krieg und globale Lebensmittelversorgung: Auswirkungen und agrarpolitische Handlungsoptionen

 

22.03.2022

Factsheet zum Thema Krieg in der Ukraine und den Agrarmärkten

Hier finden Sie ein Factsheet von Renate Künast und mir zum Thema Krieg in der Ukraine, der Versorgungssituation auf den Agrarmärkten und der Diskussion darum, was nun zu tun ist.

220322 pic factsheet ukraine

English version of factsheet

Der Krieg den Putin gegen die Ukraine betreibt, ist eine humanitäre und völkerrechtliche Katastrophe. Es ist existentiell, dass und wie die Europäische Union hier gemeinsam mit den Verbündeten agiert. Die Kriegshandlungen kosten immer mehr Menschenleben und zwingen Frauen und Kinder in die Flucht. Hinzu kommen schwerwiegende Folgen für den Agrarsektor.

Wir nehmen hiermit Stellung zur aktuellen Diskussion über ein angeblich notwendiges Rollback hin zu einer weiteren Intensivierung der Landwirtschaft. Wir halten das für einen schwerwiegenden Fehler, denn das hieße ja, die Klima- und Artenkrise noch zu befeuern. Schon jetzt führt die Übernutzung bzw. Verschmutzung unserer natürlichen Ressourcen Luft, Wasser, Boden sowie der Verlust an Biologischer Vielfalt direkt und indirekt zu Ertragsausfällen und –einbußen, mit allen bekannten Folgen.

07.03.2022

Ukraine-Krieg: Weizen für Brot, statt Weizen in den Trog

Forderungen, die hiesige landwirtschaftliche Produktion wegen der Ausfälle durch den Ukraine-Krieg zu intensivieren, gehen in eine völlig falsche Richtung, meint Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Die durch den Ukraine-Krieg sich weltweit verknappende Getreideversorgung wird Europa in besonderer Weise herausfordern. Russland und die Ukraine zusammen haben einen Anteil von ungefähr 30% an den weltweiten Exporten von Weizen. Beide Länder werden wohl auf kürzere und mittlere Frist als Getreidelieferanten ausfallen, weshalb laut WHO Hungersnöten in Ländern drohen, die von diesen Lieferungen abhängig sind, vor allem im Nahen und Mittleren Osten sowie in Afrika. Dazu kommen erhebliche Preissteigerungen.
Damit stellt sich die Frage welche Verantwortung Europa hat, um diese Versorgungslücken zu schließen und was machen wir hier in Europa mit unserem Getreide. Ein Blick auf die Statistiken zeigt, dass Europa tatsächlich zwei Drittel seines Getreides in den Futtertrog wirft und nur ein kleinerer Teil davon der menschlichen Ernährung dient. Hinzu kommt, dass wir vor allem in Deutschland eine erhebliche Fläche für die Produktion von Agrotreibstoff verwenden. Auch müssen wir uns klar machen, dass 30 % der Nahrungsmittel gar nicht erst den Weg auf unsere Teller finden und als Food-Waste verschwendet werden.
Diese Zahlen zeigen: Wir brauchen dringend eine Veränderung der Warenströme, statt einer Intensivierung der hiesigen landwirtschaftlichen Produktion das Wort zu reden. Vereinfacht gesagt: Weizen für Brot, statt Weizen in den Trog. Wir müssen unser Fleisch-Export-Modell überdenken, für welches wir nicht nur Getreide aus der Ukraine, sondern auch riesige Mengen an Soja aus Südamerika importieren. Dieses Modell ist nicht nachhaltig.
Doch was tut EU-Agrarkommissar Janusz Wojciechowski? Er stellt die Farm-to-Fork-Strategie in Frage und verlangt eine Intensivierung der Produktion. Statt, wie von der EU-Kommission eigentlich angestrebt, mit Dünge- und Pestizid-Beschränkungen endlich eine nachhaltige, die Natur bewahrende Entwicklung in der Landwirtschaft einzuleiten, plädiert Wojciechowski für das Gegenteil. Doch solcherlei platte Forderungen stellen nicht nur unsere jahrlangen Anstrengungen für eine gesündere Umwelt in Frage, sondern verstellen auch den Weg für eine klimaangepasste und biodiversitätserhaltende Landwirtschaft.
Und man sieht jetzt die europäische Importabhängigkeit bei mineralischem Stickstoff, der unter enormem energetischem Aufwand in Russland und Belarus hergestellt wird. Wir müssen daher nicht mehr, sondern weniger mineralischen Stickstoff-Dünger einsetzen und das ist nur möglich, indem wir in den Fruchtfolgen zum Beispiel Leguminosen anbauen. Agrarökologische Landwirtschaftssysteme sind die Antwort auf die Herausforderungen unserer Zeit - und nicht eine intensivere konventionelle Landwirtschaft.

In einer Online-Veranstaltung diskutieren wir die Folgen des Ukraine-Kriegs auf die Landwirtschaft am Mittwoch, den 9.März, um 16.30 Uhr mit folgenden Experten: Dr. Ophelia Nick, Parlamentarische Staatssekretärin im Bundesministerium für Ernährung und Landwirtschaft (BMEL), Prof. Sebastian Lakner, Universität Rostock, Dr. Christine Chemnitz, Heinrich-Böll-Stiftung, Martin Häusling, MdEP.

Anmeldungen und weitere Infos.

 

02.03.2022

Krieg in der Ukraine: Der Einsatz unserer Agrarressourcen gehört hinterfragt!

Zum Ukrainekrieg und der Auswirkung auf die Agrarmärkte, kommentiert Martin Häusling, agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europäischen Parlament und Mitglied im Umweltausschuss:

„Der Krieg in der Ukraine zeigt uns, wie abhängig viele Länder von den Agrar-Lieferungen aus Russland und der Ukraine sind - besonders beim Getreide, das gilt auch für Europa. Europa muss sich umgehend von russischen Agrar-Lieferungen unabhängiger machen.
Aber wir müssen auch unserer Verantwortung gegenüber Regionen wie Ostafrika und dem Nahen Osten gerecht werden, die in deutlich höherer Abhängigkeit von Russland und der Ukraine stehen. Ägypten allein bezieht 80% seiner Weizenlieferungen aus diesen beiden Ländern. Lebensmittelkrisen in diesen Regionen wirken sich direkt auf die politische Stabilität aus. Wir müssen daher Teile unserer eigenen Reserven zur Verfügung stellen. Ein solidarisches Zusammenstehen gegen Russland ist das Gebot der Stunde.
Wir müssen aber auch zwingend darüber nachdenken, wo Getreidereserven in der Lebensmittelkette überwiegend zum Einsatz kommen. Es kann nicht sein, dass die intensive Fleischproduktion nach wie vor einen Großteil der Getreideernten verschlingt. Das war schon immer weder ökonomisch noch ökologisch nachhaltig und gehört spätestens jetzt konkret auf den Prüfstand.
Zu den aktuellen Versuchen, den Krieg in der Ukraine zu nutzen, um mit dem rhetorischen Schlagwort der „Ernährungssicherheit“ die Ziele der wichtigen landwirtschaftlichen Transformation der Farm-to-Fork Strategie der EU im Rahmen des Green Deal in Frage zu stellen, kann ich nur sagen, dass ich sie für infam halte. An allererster Stelle muss nun stehen, unsere Art, ineffizient mit Ressourcen umzugehen zu hinterfragen. Das gilt für Düngemittel genauso wie für Futtermittel.
Die Basis für Ernährungssicherheit sind fruchtbaren Böden, Biodiversität und funktionierende Ökosysteme. Wenn jetzt Vertreter der Agrarindustrie behaupten, solcherlei Firlefanz könnten wir uns jetzt nicht mehr leisten, ist das ganz einfach verantwortungslos – gerade in Fragen der Ernährungssicherheit.“