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Wiesbadener Kurier - AGRAR Grüner EU-Abgeordneter Martin Häusling warnt vor Export um jeden Preis

WIESBADEN - Martin Häusling, Bio-Bauer und hessischer Grüner der ersten Stunde, ist agrarpolitischer Sprecher der Grünen im Europaparlament. Als einziger Abgeordneter arbeitet er an der neuen Öko-Verordnung mit, die zwischen EU-Kommission, Rat und Parlament abgestimmt wird. Häusling warnt davor, zu sehr auf den Export zu setzen.

Herr Häusling, wieso haben Sie 1988 Ihren eigenen Bauernhof auf ökologische Landwirtschaft umgestellt?

Ich kam aus der Anti-Atomkraft-Bewegung. Es war ein naheliegender Schritt, sich auch Gedanken über eine andere Agrarpolitik zu machen: Verzicht auf Agrargifte, Förderung ökologischer Systeme und der natürlichen Bodenfruchtbarkeit. Das war damals eine Nische, heute ist es fast Mainstream.

Was ist daraus geworden?

Die Öko-Bewegung entspricht heute den Verbraucherwünschen. Es stellen Kollegen auf Öko-Landwirtschaft um, von denen ich das nie gedacht hätte, Leute, für die der ökologische Landbau der ideologische Feind war. Das Modell ist politisch und ökonomisch erfolgreich und schützt unsere Ressourcen.

Geht es also eher um Wirtschaftlichkeit?

Viele Betriebe können von der konventionellen Landwirtschaft nicht mehr leben. Der Milchpreis liegt bei 25 Cent pro Liter, Milch aus dem Öko-Landbau bringt doppelt so viel. Und es ist auch volkswirtschaftlich sinnvoller.

Hilft da die EU oder bremst die EU?

Die EU-Politik ist zwiegespalten. Das ist ein Phänomen der Agrarpolitik insgesamt. Wir fördern ein industrielles System mit gut zwei Dritteln der Gelder – Steuergeldern. Auf der anderen Seite gibt die EU Geld aus für die Förderung des ökologischen Landbaus, für Biodiversität, für benachteiligte Regionen, für Junglandwirte. Für mich ist das der wichtigere Teil der Agrarpolitik, weil sie nachhaltiger ist.

Gibt es einen Trend zu immer größeren Betrieben?

Die Betriebsgröße ist nicht entscheidend. Bei 25 Cent pro Liter Milch kann ich auch mit 300 Kühen nichts verdienen. Entscheidend ist die Wertschöpfung. Bei einer mehr handwerklichen, regionalen Verarbeitung ist die Wertschöpfung, auch für den ländlichen Raum, doppelt so hoch.

Die Agrarpolitik ist immer im Gerede: Zu wenig Gewinn für die Bauern, Überproduktion, zu viel Chemie. Was ist das drängendste Problem?

Es gibt eine große ideologische Auseinandersetzung. Die Agrarpolitik ist am Weltmarkt ausgerichtet worden, und die Bauern haben mitgemacht. Es ging um Billigproduktion und Marktführerschaft im Export nach China und Russland. Diese Seifenblasen sind geplatzt. Es wartet auf dem Weltmarkt keiner auf hessische Milch!

Was empfehlen Sie? Weniger Export?

Die EU fördert den Export indirekt mit 45 Milliarden Euro jährlich. Der Export hat fatale Folgen zum Beispiel für Afrika: Milchpulver aus der EU kostet dort nur halb so viel wie Milch aus der eigenen Region. Die Billigproduktion führt zu einer ökonomischen Katastrophe hier wie dort.

Also lieber eine Vermarktung im Inland?

Die Nachfrage nach Öko-Produkten ist jährlich um zehn Prozent gestiegen. Diese Nachfrage können wir in Deutschland allein nicht befriedigen. Also importieren wir Bio-Produkte aus der Ukraine oder aus Argentinien. Das ist absurd. Deutschland stellt sich gerne als Musterland der Öko-Bewegung hin, ist es aber nicht. Viele Verordnungen der EU werden nur zögerlich umgesetzt.

Woran liegt das?

Die Bundesregierung steht hinter der Agrar-Lobby, der industriellen Land- und Lebensmittelwirtschaft.

Welches EU-Land macht es besser?

Die Niederlande haben im konventionellen Bereich sehr schnell auf die Düngemittelverordnung reagiert und auch den Einsatz von Antibiotika in der Tiermast um 50 Prozent gesenkt. Österreich fördert den Ökolandbau konsequenter.

Was ist derzeit der Schwerpunkt Ihrer Arbeit?

Ich arbeite an der gesetzgeberischen Ausarbeitung der neuen Öko-Verordnung der EU. Ich vertrete als verhandlungsführender Abgeordneter das EU-Parlament, der Agrar-Ausschuss hat mich dafür nominiert, das ist ein großes Privileg.

Um was geht es?

Die Verordnung wird unter anderem den Basis-Rahmen für den Öko-Landbau setzen und definieren: Was ist Bio? Es geht um Verbraucherschutz und bessere Rahmenbedingungen für den Ökolandbau. Die EU-Kommission hat einen in großen Teilen nicht zielführenden Entwurf vorgelegt. Rat und das Parlament haben Gegenentwürfe beschlossen. Nun müssen die drei Parteien aus über 1500 Änderungsanträgen einen Kompromiss erarbeiten.

Das Interview führte Ulrike Würzberg.

 

Video

Podcast

Tagesgespräch mit Martin Häusling (Grüne): Artensterben mindestens so schlimm wie Klimawandel
aus der Sendung vom Fr., 27.10.2023 18:05 Uhr, SWR2 Aktuell, SWR2 , Jenny Beyen

https://www.swr.de/swr2/leben-und-gesellschaft/martin-haeusling-gruene-artensterben-mindestens-so-schlimm-wie-klimawandel-100.html

 230305 Weltspiegel Getreide Spekulation


Weltweit: Die Zockerei mit Getreidepreisen | WDR für Das Erste

An der Hauptstraße nach Nouakchott sitzt sie und siebt Weizen aus dem Sand – jeden Tag. Was hier liegt, weht der Wind von den LKW. Fatimetou ist eine von vielen Frauen, die so ihren Unterhalt bestreiten. In einem Land, in dem Lebensmittelkosten den Großteil des Einkommens ausmachen, ist jedes Weizenkorn wertvoll. Auch Fatimetou merkt, dass alles plötzlich mehr kostet. Warum aber und wer dahinter steckt, das wisse sie nicht, sagt sie.

Mauretanien ist abhängig von Getreide aus dem Ausland. Wenn die Lieferungen ausbleiben, dann steigt der Preis. Aber das ist nur ein Teil des Problems. Denn eigentlich wird weltweit genug Weizen produziert. Doch der Rohstoff ist zum Spekulationsobjekt geworden.
Getreide – ein Spekulationsgeschäft

Paris. Hier sitzt die wichtigste Handelsbörse für Weizen in Europa: Euronext. Neben der Rohstoffbörse in Chicago die weltweit größte und wichtigste. Ein Teil der Ernte wird hier gehandelt: Dabei sichern Getreidehändler ihre millionenschweren Weizen-Lieferungen mit Termingeschäften ab, sogenannten Futures.

Lange vor der Ernte verkaufen Landwirte ihre Ware und garantieren die Lieferung einer bestimmten Menge. Händler kaufen für einen fixen Preis und übernehmen so das Risiko einer schlechten Ernte. Steigt der Preis in der Zeit bis zum Fälligkeitstermin, profitiert der Investor. Sinkt er, erhalten die Landwirte dennoch den vereinbarten Preis – eine Art Versicherung. Und normalerweise ein Win-Win-Geschäft für alle Seiten. In Krisenzeiten aber setzen Investoren und Spekulanten auf stark steigende Kurse und treiben mit Milliardensummen den Preis in Rekordhöhen.

Zu diesem Ergebnis kommt die Investigativ-Journalistin Margot Gibbs. Mit einem internationalen Team hat sie Daten analysiert, um zu verstehen, warum sich der Weizenpreis bei Kriegsbeginn innerhalb weniger Wochen verdoppelte. Offenbar pumpten Investoren große Mengen Geld in den Markt. Aber wer? Die meisten Käufer blieben anonym. Lediglich für zwei börsengehandelte Fonds, sogenannte ETFs, konnte Gibbs‘ Team massive Investitionen nachweisen.

"Wir haben herausgefunden, dass die beiden größten Agrar-ETFs in den ersten vier Monaten 2022 für 1,2 Mrd. Dollar Weizen-Futures gekauft haben – verglichen mit 197 Millionen für das gesamte Jahr 2021. Das war sehr auffällig", erzählt die Investigativ-Journalistin. Dass innerhalb kürzester Zeit viel Geld in die Märkte fließt, ließ sich zuvor bereits bei der Finanzkrise und der Schuldenkrise beobachten. Das Problem: Danach sank der Preis nie wieder ganz auf Vor-Krisen-Niveau. Mit drastischen Folgen für die betroffenen Länder. Im Sommer 2022 verschärfte sich die Lage in Mauretanien dramatisch.
Eingriff zwingend notwendig

Mamadou Sall ist verantwortlich für die Lebensmittel-Beschaffung beim World Food Programme. Hunderttausende sind vom Hunger bedroht. Hier gibt es Probleme mit dem Nachschub. Aber nicht, weil der Weizen fehlt, sondern das Geld. Die Auswirkungen von Krieg und überhöhten Weltmarktpreisen – so sehen sie aus: "Die größte Herausforderung ist, dass wir mit den Spenden, die wir bekommen, immer weniger Hilfsgüter einkaufen können. Für das Geld, mit dem wir früher 100 Tonnen Weizen bezahlen konnten, bekommen wir bei den derzeitigen Preisen nur noch fünfzig Tonnen. Und die Auswirkungen für die Hilfsbedürftigen sind massiv."

Um genau solche Fehlentwicklungen künftig zu verhindern, gab es bereits nach der letzten Ernährungskrise 2011 Rufe nach staatlicher Regulierung. "Eine ganze Reihe von Leuten hat sich zu Wort gemeldet, einige sogar aus der Branche und sagten: Dieser Markt ist kaputt. Er folgt kaum noch den Grundsätzen von Angebot und Nachfrage. Er ist eine reine Wettbude", sagt Margot Gibbs. Doch sämtliche Regulierungsversuche verliefen weitgehend im Sande.

Im Haushaltsausschuss des EU-Parlamentes saß auch damals schon Martin Häusling. Er kann sich noch gut an die Debatten der vergangenen Jahre erinnern. Die Diskussion war am gleichen Punkt wie heute. Für den gelernten Bio-Landwirt sind deshalb auch die Forderungen noch die gleichen wie damals. "Wir müssen als erstes eine Spekulations-Bremse einziehen, wenn wir merken, da wird offensichtlich darauf spekuliert, dass der Preis steigt. Da muss die Politik eingreifen können und den Preis müssen wir dämpfen."
Große Konzerne mit zu viel Macht

Doch das Problem reicht tiefer. Ein Grund für die Einladung zur Spekulation in Krisenzeiten liegt in der globalen Marktkonzentration: Fünf internationale Agrarkonzerne teilen sich untereinander drei Viertel des Welthandels an Agrarrohstoffen. Es sind die sogenannten ABCD-Konzerne: Archer Daniels Midland, Bunge, Cargill und Louis Dreyfus. Zusammen mit dem chinesischen Agrargigant Cofco bilden sie die "Big Five", die Großen Fünf. Wie viele Millionen Tonnen Weizen in ihren Lagern wartet, ist Geschäftsgeheimnis. Zu einer Veröffentlichung sind sie nicht verpflichtet. Eine Einladung für Spekulanten.

"Ja, wir müssen uns überlegen, wie wir die Macht sozusagen von diesen großen Konzernen auch ein Stück weit eindämmen. Dass wir sehen, dass die nicht das ganze Geschäft übernehmen, sondern dass wir zum Beispiel auch dafür sorgen, größere Reserven in staatlicher Hand zu haben", sagt Martin Häusling.

Passiert nichts, dann bleibt der lebenswichtige Rohstoff Weizen Spekulationsobjekt und Druckmittel im politischen Poker: Nach dem Getreideabkommen zwischen Russland und der Ukraine fiel der Weizenpreis. Doch in wenigen Tagen läuft das Abkommen aus. "Die Gefahr ist, wenn das Getreideabkommen nicht verlängert wird, dann stehen wir tatsächlich wieder vor der Frage: Wie kommt das ukrainische Getreide auf die Märkte? Und dazu haben wir noch das Problem, dass irgendeine Handelsroute geschlossen ist, die Spekulationen anfangen und der Getreidepreise durch die Decke geht", erklärt Häusling weiter.

Doch selbst wenn weiterhin ukrainische Weizenschiffe ablegen können, die nächste globale Krise wird kommen – ob Krieg, Naturkatastrophen, Epidemien – und mit ihr die Spekulation.

Autor:innen: Tatjana Mischke / Martin Herzog

Stand: 05.03.2023 19:12 Uhr

230213 action against NewGMO

13.02.2023 #global2000 #lebensmittelsicherheit
Über 420.000 Menschen fordern europaweit: Neue Gentechnik (NGT) in Lebensmitteln auch weiterhin regulieren und kennzeichnen. #ichooseGMOfree - Mit unserem Essen spielt man nicht!

Strenge Risikoprüfung und Kennzeichnung für #NeueGentechnik sichern! Volle Unterstützung für unsere Kolleg:innen, die in Brüssel die Petition, inkl. unserer #PickerlDrauf-Unterschriften, an die Europäische Kommission überreichen!

Eine breites Bündnis von mehr als 50 Organisationen aus 17 EU-Mitgliedstaaten hat eine Petition an die Europäische Kommission gerichtet, in der wir fordern, dass Neue Gentechnik-Pflanzen auch reguliert und gekennzeichnet bleiben.

Danke an alle, die sich hinter unsere Forderungen gestellt haben und sich für die Wahlfreiheit der Bäuerinnen und Bauern und Konsument:innen einsetzen!

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